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Titel
Die Mutprobe
Der Text
In seinem Stamm galt ein Jüngling erst dann als Mann, wenn er eine Mutprobe erfolgreich ablegte. An Fantasie mangelte es nicht, wenn es darum ging, es den Youngsters nicht zu leicht zu machen. Immerhin berechtigte es sie, in der Gesellschaft eine Ehe einzugehen, Alkohol zu trinken, und eine Familie zu gründen. Einige dieser Probanden kamen indes weder zum einen noch zum andern, weil sie die Probe nicht überlebten.

Im Gebiet des südafrikanischen Stammes hielten sich neben den bekannten Wildtieren auch Nashörner auf. Große Kolosse, die leicht reizbar nach Fressbarem grasten, oder im Schlamm dösten. Ihr schwaches Sehvermögen wurde durch andere Fähigkeiten aufgehoben, worunter ihre beachtenswerte Laufgeschwindigkeit zählte, sowie ihr Hörvermögen. In jedem Jahr gab es mit ihnen Zwischenfälle, die auch zu tödlichen Ausgängen führten.

Heute war der Tag, an dem "Good Enough", wie ihn seine Eltern tauften, zum Mann werden sollte.
Der Wind war tückisch. Mal kam er von den nahen Bergen, mal strich er aus entgegengesetzter Richtung über die Steppe, als wäre er auf der Suche nach etwas Bestimmtem....Die Aufgabe, die ihm gestellt wurde, bestand darin, einen Stein auf dem Rücken eines Nashorns so zu platzieren, dass er mindestens drei Sekunden darauf ruhte, und sich selbst dann schnell und geschickt zu entfernen.

Er hatte den Bullen schon einige Tage beobachtet, wie er in übelster Laune einen Stamm ramponierte, der ihm im Weg lag, oder sich abrupt umwandte, weil er etwas hinter sich gehört hatte. Wie alle seiner Art, besaß auch er einen ausgezeichneten Geruchssinn, den man ihm so nicht zutraute. Die Zeugen seines Vorhabens hatten sich mit ihm unter einer Baumgruppe von Akazien versammelt. Auch deswegen, weil sie vielleicht als Fluchtmöglichkeit gute Dienste leisten konnte.....Good Enough hielt den abgeflachten Stein fest in seiner Hand und merkte, dass er schwitzte. Von hier konnte er in einer gehörigen Entfernung den grauen Rücken des Bullen sehen, der sich am Rande eines Schlammlochs etwas Kühlung versprach. Er schien zu dösen, während ein weißer Reiher gleich neben ihm nach Fressbarem im Tümpel Ausschau hielt.

Kaum hörbar flüsterte ihm der Anführer der Gruppe zu, dass er sich nun auf den Weg zu machen habe. Der Wind stünde günstig, zeigte er an, und mit einem Klaps auf die nackte Schulter begann der gefährliche Weg hin zum grauen Rücken, der stumpf in der Sonne ruhte.....

Good Enough war trotz seines jugendlichen Alters bereits erfahren, machte keine unnötigen Geräusche, wenn es ums Anpirschen ging, und hatte mit seinem Vater mehrere erfolgreiche Jagden hinter sich, bei denen es darauf ankam, leise zu sein. Sehr, sehr leise. Und auf den Wind. So prüfte er mehrfach dessen Richtung, und gelangte jetzt in die Nähe des Bullen, sah seine an den Enden behaarten Ohren, die versuchten durch Zuckungen zahlreiche Fliegen zu verscheuchen.

Vom Reiher sah er zunächst nichts. Dieser musste wohl hinter dem Koloss auf der Suche sein. Beim Blick zurück erschien ihm die Baumgruppe, von der aus er beobachtete wurde weit. Sehr weit. Der Boden unter seinen Füßen wurde weicher, so dass er mehr und mehr einsank, was wiederum ein Glucksen erzeugte, wenn der den Fuß wieder aus dem Schlamm heraus zog. Sollte er hier an Flucht denken können, wenn der Bulle ihn gewahr nehmen würde?

Er war jetzt so weit zu ihm aufgeschlossen, dass er ihn riechen konnte. Seine Ausdünstungen beim Schnauben im Schlaf, wie er hoffte. Der Wind stand jetzt für die letzten Meter günstig, und auch der Boden bot etwas mehr Halt, als der Reiher aufflog.....

Mit einem lauten Schlag ließ er den Bullen aufschrecken, in dessen Rücken die schlanke zitternde Gestalt mit einem flachen Stein in der Hand zur Salzsäule erstarrte.....Von der Baumgruppe mussten sie es sehen können, mussten ihre Schlüsse ziehen, was passieren würde, und rückten enger zusammen.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja