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Titel
Die Flaschenpost
Der Text
Gestern, am späten Nachmittag, fand ich eine Flaschenpost. Es war keiner der unzähligen Glaskörper, die über Bord geworfen den Rhein herunter trieben, um letztlich unzerstört das Meer zu erreichen, womit sozusagen gar nichts erreicht wurde und alles. Es war dieser Art von Glasmüll lediglich das Zerspringen an einem Stein oder Eisenträger erspart geblieben, wie dieser Flaschenpost gestern am späten Nachmittag.

In einem samt grün schlanken Körper hob sie sich etwas ab vom Gestein und verrenktem Gehölz. Ich hob die Flasche vorsichtig ans Licht, das im Januar, eher schwach ausgeprägt, sich durch den verlorenen Nachmittag quälte, an der Außenhaut der Flasche stutzte und doch wagte, sie etwas zu durchdringen. Und in ihm zeichnete sich das Blatt ab oder das Etwas, das wie ein Blatt aussah, auf dem etwas Geschriebenes stehen könnte.

Mit meinem gebrauchten Taschentuch wischte ich ihr etwas ab von der Nässe und bemerkte, dass sie ohne jedes Etikett war, sowie einen Drahtverschluss hatte, den es heute nicht mehr häufig gab. Auch war sie schwer, obwohl sie innen hohl war, sieht man einmal vom Blatt ab, das ich erwähnte. Aus purer Neugier wäre es jetzt, da ich allein am Ufer stand, ein Leichtes den Verschluss zu öffnen. Schwerer allerdings an die Nachricht zu kommen, ohne die Flasche zu zerstören. Ich wollte nicht, dass die Hülle der Nachricht, bisher so erfolgreich, mit einem Schlag zerstört wurde, und klemmte sie auf den Gepäckträger meines Fahrrades, das auf mich wartete.

Auf dem Heimweg begann in meinem Kopf so etwas wie ein Rätselraten. Um den Urheber, seine Zeit, seine Worte an wen, und warum dieser die Botschaft dem Wasser überließ, das bekanntlich dem Meer zustrebte. Vielleicht hatte sie ein Soldat in seinen letzten Momenten geschrieben, bevor es zum Übersetzen ans feindliche Ufer ging, oder ein Träumer? Gab es einen Adressaten, den ich nach langen Jahre überraschen konnte oder ein ungeklärtes Schicksal?

Je näher ich all diesen Antworten kam, desto unruhiger wurde ich.

Beim Öffnen des rostigen Verschlusses schlug mir ein verlorener, längst verstorbener Geruch einer alten Zeit entgegen. Etwas Eingepferchtes, Gefangenes, endlich Freies, das sich schnell verflüchtigte, als ob darin seine einzige Chance des eigenen Überlebens steckte. Hinter sich zurücklassend das welke Stück Papier, auf dem sich noch verdeckt einige Buchstaben wälzten, wenn ich die Flasche drehte....
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch