Text 213/628

Titel
Die Gottesanbeterin
Der Text
Den Schritt setzt sie so wohlbedacht, als wollte sie nicht stören. Zuerst geht es nach Vorn. Dann hält sie inne mittendrin in der Bewegung. Ein leichtes Hin und Her, ob sie nicht lieber rückwärts gehen sollte. Dabei stehen ihre Augen, die eher Klötzen gleichen, zu beiden Seiten Furcht einflössend weit vom schmalen Kopf, dass selbst der Blick nach Hinten möglich sein dürfte. Ob ihr jemand folgt auf ihrem Weg, ein Opfer, das sie vergaß zu fressen? Der Körper nadelschmal, an dem beidseitig Fäden hängen. Bizarre Beine im Knick. Es sind die, die Verzögern vor dem Biss, als wäre es ihr einfaches Geschenk an die Beute, der letzte Hauch Leben vom Henker hergeschenkt. Wer aus diesen Augen angestarrt wird, bekommt es mit der Angst zu tun. So indiskret muss ihr Blick sein, dass es das kleine Herz vom Schlagen abhält, den Käfer wehrlos macht, den sie sich schnappt und mit den Zangen leicht zerteilt.

Im Traum möchte ich ihr nicht begegnen, und in der Wirklichkeit war es auf einem Geländer am frühen Abend am Strand. Ich sah sie nur als Nadelstück zuerst, und sie sah mich.

Plankton

An bestimmten Abenden, wenn das salzig grüne Meer seine Temperatur hat, sich beruhigt von den Gezeiten des Tages, gibt es beim Wellenschlag viele kurze grüne Zeichen. Als ob Funken in ihm wären, die etwas entfachen könnten. Sie sind an Bootskörpern, an deren Auslegern aus Bambus, an einer treibenden Kokosnuss und auch an mir, wenn ich mich ins Sprühen werfe und meine Arme durchs Wasser ziehe.

Das Plankton ist der sichtbar werdende Traum des Meeres. Es träumt ihn, indem es sich etwas sucht, an dem es sich entfachen kann. Einen Strand, ein Schiff, einen Körper. Dass es nur kurz sichtbar wird und nur bei Berührung und Bewegung ist allzu verständlich, denn welcher Traum hält tags wie nachts, ist immer gleich? Dennoch gibt es die mikroskopisch kleinen Teilchen tags wie nachts. Sie sind da wie kleine Sterne, denen man folgen kann, wenn das Meer die richtige Temperatur hat, wenn es salzig und grün ist und treiben lässt.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch