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Titel
Der Schlüssel
Der Text
Wenn ich mich recht erinnere, war es die Zeit der Lederhosen, die an einer Art Geschirr getragen wurden. Mit der Zeit wurden sie speckig, der Hirsch auf dem Brustpanzer bekam einiges aufs Geweih...Wir klauten noch grüne Äpfel und probierten Regenwürmer aus, ob sie schwimmen konnten. Kein Baum von denen am Teich war zu hoch, als dass er nicht bezwingbar war. Ganz oben befestigten wir an einem Stofffetzen unsere schauerliche Fahne, die einen Totenkopf trug. Das war bei Piraten so üblich...

Keiner von uns zwei Lausbuben bemerkte, dass es die beste aller Zeiten war, die wir erleben sollten. Und dass es so war, lag nicht nur an unserem jugendlichen Alter. Unserer Fantasie wurden Grenzen gesetzt, deren Ausführung nicht anerkannt wurde, auf keiner Karte eingezeichnet, von den Erwachsenen mehrfach wieder errichtet, jedoch überwindbar.

Wenn wir etwas lernten, dann war es durch Erfahrung mehr als durch Ermahnung. Ein aufgeschlagenes Knie blutete, verschorfte und wurde aufgekratzt, weil es anfing zu jucken, dann blutete es wieder. Jeder Stein um die paar Häuser am Wald, um die unsere Jugend passierte, kannte uns, wie wir ihn kannten. Gedreht, geworfen, wenn er flach genug war auf der Oberfläche des Teiches so oft es ging zu titschen, wie wir es nannten.

Es gab einen Kuhstall und Weiden, Ernten und Feiern, Hochzeiten, um die wir herum sprangen mit viel zu sauberer Kleidung und einer Fliege am engen Kragen. Es gab Autoritäten wie meinen Opa, der alles konnte und wusste, meinen Vater, der korrigierend eingriff, wenn das Geduldsfass überlief. Und kaum verständlich gab es Warnungen vor diesem Teich, wenn das Eis noch nicht trug, wir es aber schon geprüft hatten...Warnungen vor Zigeunern, die ihre Teppiche anboten an der Tür und den Mercedes weitab parkten.

Was aber uns beide am meisten interessierte, war ein eher beiläufig ausgesprochener Satz am Tisch, um den sich während einer Feier viele reihten. Es ging wohl um uns, den Schabernack, den wir trieben. Gelacht wurde auch darüber, doch dann sagte der Opa etwas, das unsere Ohren spitzen ließ.
" Es ist mir vieles egal mit euch, wo und wann ihr euch hier herum treibt. Ich will euch aber nicht auf dem Heuboden erwischen!"

Der Heuboden!

Unter dem großen Dach des Stalles wurde hier mit Forken vom Leiterwagen im Sommer das Heu eingelagert für die Kuh. Einer reichte es an, ein anderer weiter, ein Dritter schob es auf seinen Platz. Eine unvorstellbare Duftmischung aus Blütenstaub, Halmvergänglichkeit hing schwerelos in der Luft, die Katze warf ihre Jungen weitab der Auffindbarkeit, das Licht drang mit Mühe durch undichte Ziegel. Eine Kornwaage mit Eisengewichten wartete auf ihre Wichtigkeit. Eine steile Leiter führte nach oben, eine schwere Luke musste erst aufgedrückt werden, um auf den Heuboden zu gelangen.

Hier orientierten wir uns erst einmal im veränderten Licht. Es gab nur eine schwache Stromquelle durch eine heillos überforderte Lampe in einer nutzlosen Ecke. Wir waren äußerst leise. Eine Frage trieb uns um. Warum? Wer und was wollte uns vor etwas schützen? Eine unbekannte Gefahr? Lose Trittbretter zum darunter liegenden Stall? Der große Raum wurde begrenzt. Zum eigentlichen Wohnhaus hin duckte eine unscheinbare Tür aus Holz. Halbhoch war sie, und entgegen der allgemeinen Offenheit dieser Tage, (kein Raum war abgeschlossen, selbst die Haustüren blieben unverschlossen), war es diese Tür. Ein Riegel mit einem soliden Schloss, zu dem ein Schlüssel vorhanden sein musste.
Irgendwo.
Wir fanden den Schlüssel nicht. Suchten alles ab, was für sein Versteck infrage kam. Nahmen eine Taschenlampe zu Hilfe und vermieden Streichhölzer...Wir stellten uns vor den Stall und maßen mit unseren Augen den Raum ab, der uns verschlossen blieb. Er konnte nicht sehr groß sein. Etwas Kleines, Verschlossenes...

Einmal träumte ich davon in ihn eingedrungen zu sein. Etwas Furchtbares war dort, eine grauenhafte Maske empfing mich, gleich nachdem ich die Tür geöffnet hatte. Spinnenfäden zogen sich durch mein Gesicht. Ich wurde für mein Vergehen bestraft.

Natürlich blieb die verschlossene Tür eine unerledigte Sache, doch bald geriet sie in den Hintergrund. Die Abenteuer warteten draußen. Helden wollten jeden Tag neu geboren werden. Dann kam eine Phase in den Ferien, in der fast ausnahmslos schlechtes Wetter herrschte. Schwimmbad ade. Wir lümmelten herum und erinnerten uns an die Tür, zu der ein Schlüssel versteckt sein musste. Da wir ja bereits alles abgesucht hatten, gingen wir jetzt daran dort zu suchen, wo keiner heran kommen konnte, wegen der fehlenden Körpergröße.

Beim Abtasten eines Dachbalkens, mein Freund hatte mich auf seine Schultern genommen , hielt ich ihn plötzlich in der Hand! Ein kleiner kalter Schlüssel, den ich festhielt wie ein Stück Gold. Wir probierten ihn sofort aus, was auch klappte. Durch tief hängende Wolken gelang noch weniger Licht in den Dachboden als sonst... Die Tür ließ sich öffnen...wir hielten die Luft an und blickten ins Schwarze, aus dem ein kalter Rauch stieg, wie man ihn bei erloschenen Feuern wahrnimmt. Das konnte doch nicht sein. Feuer auf dem Dachboden bei dem ganzen Heu und Stroh?

Im Stall war jetzt jemand. Wir hörten die Schritte unten und beschlossen unser Vorhaben heute abzubrechen. Es war zu gefährlich, wir könnten entdeckt werden. Aber aus unseren Augen war jetzt schon zu lesen, dass wir wieder kommen würden. Schon morgen würden wir wieder kommen, und dann ins Dunkel vordringen aus dem der Rauch stieg...
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch