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Titel
Des Süßen Tod
Der Text
Es war einer dieser stürmischen Tage. Der Wind riss an den letzten Blättern wie ein Rudel Wölfe an einer vor Furcht erstarrten Kuh. Im Backsteinhaus hörte sie das Heulen, das zum Abend hin noch etwas zunahm und sie veranlasste, die Laden aus Holz vor die Fenster zu ziehen. Sie legte einen schweren Riegel vor die Tür, da sie schon öfters aufgesprungen war, was am Holz lag, das sich mit der Zeit stark verzog.

Es war die Nacht zum 1. November vor langer Zeit, als man noch an Dinge glaubte, deren Existenz immer noch auf den letzten Beweis warteten, auf ein Foto, einen Fingerabdruck des Unglaublichen, eine Spur... Niemand hatte so richtig etwas gesehe,n und doch spielten die Gedanken an das Unvorstellbare in den Hirnen der Menschen, ließen sie nachts nicht schlafen und mit offenen Augen an die dunkle Decke starren.

Die allein lebende alte Frau stellte einen Kessel Wasser auf den Herd und bemerkte beim Blick aufs Feuerholz, dass es nicht reichen würde für die Nacht, um die Wärme im Haus zu halten. Sie würde hinaus müssen irgendwann zum Stapel, der um die Ecke unter einem Überstand des Daches lagerte. Ein Bauer hatte ihr vor Jahren einen seiner Obstbäume zersägt. Es war eine alte knorrige Kirsche, deren Früchte regelmäßig von seltsam großen schwarzen Vögeln gefressen wurden. Es waren Vögel, die nur zur Reifezeit der Kirschen hier kurz auftauchten, und dann nicht wieder gesehen wurden. Doch kamen sie jedes Jahr, und die Leute nannten sie scherzhaft "Des Süßen Tod".

Als der Bauer den Baum umgesägt hatte stellte er fest, dass der Stamm bereits völlig von schwarzem Pilz ausgehöhlt war, und nur noch die Rinde etwas Gesundes vorgaukelte. In einem enormen Ast brütete jedes Jahr ein Vogelpaar, seine Wurzeln wurden noch weit von seinem Stamm im Erdreich gefunden. Er schnitt den Baum in handliche Stücke, spaltete diese für das Feuerloch und stapelte das Ganze unter das Hausdach der Alten. Dafür bereitete sie ihm einen Tee, nach dem er nur Stunden später verstarb. Jeder im Dorf glaubte an eine Erschöpfung, da der Bauer selbst nicht mehr der Jüngste war, und brachte weder die Alte noch den Tee mit seinem Schicksal in Verbindung. Nur Manche glaubten an etwas Ungewöhnliches, das mit dem kranken Baum, den gefräßigen Vögeln, und dem Haus eine sagenhafte Verbindung herzustellen schien, die sie nachts nicht schlafen, und mit offenen Augen an die Decke starren ließen.

Der Wind hatte sich gedreht und wehte jetzt von einer Seite wie selten im Jahr. Er kam vom Wald und brachte feuchtes Laub mit, das er über das Haus warf wie einen Gruß wie ein Abschied, der in ein Grab geworfen wird. Sie zog sich ihre schwere Regenjacke über, schlurfte zur Tür, entfernte den Riegel ,und umklammerte mit ihren altersgeprägten Knochenhänden den Drahtbügel, der den Korb tragen sollte. Ihr war unwohl bei dem Gedanken jetzt hinaus zu müssen. Nicht dass sie etwa Angst hatte, dazu wohnte sie hier bereits zu lange, konnte gewohnte Geräusche von ungewöhnlichen unterscheiden, ja sie witterte fast wie ein guter Fährtenhund, wenn jemand sie besuchte, eine Zeit bevor es klopfte...

Als sie den Riegel anhob, drückte der zum Sturm gewachsene Wind die Tür zur Seite und riss einen Stuhl zu Boden, der am Tisch stand. Sie kümmerte sich nicht darum, und wollte die Sache mit dem Holz rasch hinter sich bringen, bevor die Regenwolken ihre Last abwerfen würden. Den Weg fand sie in völliger Dunkelheit, nur die plötzlich einsetzende Kälte, als sie die Hauswand entlang ging, überraschte sie etwas und ließ sie frieren.

Wenn sie ganz allein war, und auch nur den geringsten Anflug von Angst in sich spürte, sang sie ein Lied. Es war mehr ein Summen als ein Singen. Jetzt, als sie die Hausecke vor dem Kirschbaumholz erreichte, begann sie zu singen -

Sie tastete nach den ersten Holzscheiten, die vom Sturm umweht einen hohlen, fast menschlich klingenden Ton von sich gaben. Es war ein Murmeln, Stöhnen, manches davon dumpf. Hervorgerufen von der ausgehöhlten Struktur des Baumes ergab der ganze Haufen einen Singsang, der je nach Stärke des Sturmes eine Art Melodie in der Nacht formte, die die Alte erschauern ließ. Ihre eigene Stimme versagte dabei, wurde ihr von den Lippen gerissen, dass sie verstummte.

Die großen schwarzen Vögel, deren Vorliebe für Kirschen sie jedes Jahr hier her trieb, kamen im ersten Jahr nach der Fällung des Baumes wieder zur selben Stelle und saßen dort, wo er gestanden hatte einen Tag und eine ganze Nacht herum, ohne aufzufliegen. Wenn jemand kam, hüpften sie nur kurz zur Seite und trugen keine Scheu. Am ersten Morgen bei Anbruch der Dämmerung fand man einige tot am Boden, der Rest war verschwunden. Man warf sie in den Fluss, der sie fort trug irgendwohin. Wieder schlich sich eine Unruhe in die Gedanken der Menschen, die den Umstand des Todes der Vögel sich nicht erklären konnten, und wieder schliefen sie schlecht. So langsam wurden sie aber vom Alltag eingeholt, und der Baum geriet in völlige Vergessenheit. Auch die Vögel kehrten nie wieder.

Das Holz, nach dem die Alte jetzt griff, war ineinander fest verkeilt. Sie musste sich recken, um an die obersten Stücke heranzukommen auf denen noch keine Last lag, musste ins Dunkel unter das Dach greifen. Sie fühlte einen dicken Ast, der jedoch nicht heraus zu lösen war, da er unter der Dachkante nicht hervor zu holen schien. Stattdessen nahm sie sich aus der eigentümlich nach außen gewölbten Holzfront das Stück, das sie als nächstes erwischte und zog es mit einem kräftigen Ruck heraus...
Die Tür des Hauses blieb über die Nacht weit geöffnet. Der Regen prasselte später in die Diele auf die Holzplanken. Das Feuer war längst erloschen.

Als man das Fernbleiben der Alten am Morgen nach dem Sturm im Dorf bemerkte, weil sie sich keine Milch holte wie gewohnt, sah man nach ihr.
An der Seite des Hauses lag ein großer Haufen fauliger Holzstücke, aus der eine alte Hand ragte, deren schwarze Finger nach etwas griffen oder auf etwas zeigten, das von irgendwoher aus dem Holz kommen musste. Aus seinen Höhlen, die jetzt nur noch schwiegen.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch