Text 183/628

Titel
Der Steinhaufen
Der Text
Der Keller hatte noch keinen Fußboden. Es war Lehm, nackter Lehm. Das Haus, das bezogen wurde, war einmal eine Wäscherei, in der Kohle gewaschen wurde, die aus einem nahen Stollen aus dem Berg stammte. Es war das Haus meiner Eltern. Massive Mauern, ein dreißig Meter hoher Schornstein und dieser Keller. Im Haus wohnten kurz nach Kriegsende 23 Personen. Ausgebombte aus Hannover, Flüchtlinge aus dem Osten. Alle hatten ein Dach, was damals nicht unbedingt üblich war.

Als Kind bekam ich damals mit, dass etwas mit dem Keller nicht stimmte. Hörte aufgeregte Gespräche, in denen das Wort Ratten häufiger vorkam. Einige beklagten sich über den Verlust mühsam erworbenen Gemüses, das von den Nagern ebenso geliebt wurde. Spuren waren gefunden worden, niemals auch nur eine wurde gesehen. Sie waren wohl schlau und wussten um die Gefahr, die ihnen drohte.

Schließlich wurde beschlossen Gift zu kaufen. Eine lila Paste, die geruchsfrei war und deutlich vor dem Verzehr auf der Verpackung mit einem Totenkopf warnte....Ein kleiner Haufen Kartoffeln galt als Köder. Eine davon war mit dem lila Gift gefüllt und mit einem Pfropfen wieder verschlossen worden. Der ungeschützte Kartoffelhaufen lag ungewöhnlich lange auf dem Lehm. Die Ratten waren misstrauisch. Schließlich aber dann doch... Plötzlich war keine Kartoffel mehr zu sehen....

Um effizient zu sein, so hieß es auf der Rattengiftpackung, solle man das Gift so lange auslegen, bis es nicht mehr angenommen wurde. Ein zweiter Kartoffelhaufen wurde geopfert. Dieses Mal mit fast allen Kartoffeln infiziert. Wir schauten nach und glaubten es fast nicht...wir fanden einen Steinhaufen vor, den die Ratten über die Kartoffeln gestapelt hatten. Steine, die ums Haus lagen umschlossen sämtliche Kartoffeln wie eine Pyramide.

Was passierte im Keller? Wie schlau war das denn?
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja