Text 201/628

Titel
Die Entschuldigung
Der Text
Mein Sohn...konnte gestern nicht zum Unterricht kommen, weil er sich verschluckt hat.
Gezeichnet: die Mutter.

Auf dem Zettel erschien eine gewisse Vorstellung davon, wie die Mutter wohl unterschrieben hätte. Diese gefälschte Entschuldigung reichte ich rüber, als ich am anderen Tag, wie gewohnt, recht munter zum Unterricht erschien. Frau H. nahm sie wortlos entgegen. Das eigentlich Komische war, dass nichts passierte. Von Seiten meiner ahnungslosen Mutter sowieso nicht, ich verließ das Haus mit Butterbroten und Apfel zu gewohnter Stunde, noch von Lehrerseite, was noch überraschender war. Es mag daran gelegen haben, dass die Erwachsenen untereinander Kontakte pflegten, die uns in dem Alter verborgen blieben...

Ich konnte an jenem Vormittag unmöglich zur Schule gehen, da sich ein Molch am Vortag in der von mir aufgestauten Bachstufe schwanger zeigte, und alles auf eine Geburt hinwies. Ich wollte dabei sein, lag, statt auf dem Schulweg zu sein, mit der Schultasche neben mir stundenlang auf dem Bauch am Bach und beobachtete das Geschehen. Molche waren meine Freunde. Mehr als die in der Schule. Den Molchen konnte ich alles erzählen. Ich fischte geschickt nach ihnen, und holte sie ans Licht auf meiner Hand, wo sie mit all ihrer kleinen Kraft zu fliehen versuchten. Zurück ins Wasser, ihre beschützte Heimat.

Pünktlich kehrte ich "von der Schule" heim, allerdings ohne Zeuge einer Geburt zu werden! Natürlich schlief ich schlecht in der Folgenacht. Der Betrug wog schwer. Als Täter konnte ich zwar Spuren verwischen, mir eine Geschichte ausdenken, oder alles zugeben, was gar nicht infrage kam. Im Oktavheft waren gewöhnlich Hausaufgaben eingetragen. Die Seite war aber leer. "Ungewöhnlich", bemerkte Mutter, "habt ihr denn gar nichts auf?"

Meine Körpergröße schrumpfte um zwei Längen, eine Wärme zog durch mein Gesicht und färbte es wie einen Apfel im Oktober. Es kam zur Beichte. Es musste so kommen! Die Lücke Oktavheft hatte ich als Täter nicht beachtet! Ich erklärte ihr den Grund für das Ganze. Sie hörte mir zu, wie eine Mutter ihrem Kind zuhört, wenn es zur Beichte geht. Damals allerdings konnte man durchaus mit Prügel rechnen, die aber äußerst selten auf mich herab prasselte. Mutter hörte mir geduldig zu, und ich meinte sogar so etwas wie Verständnis aus ihren Mundwinkeln heraus zu lesen.

Viele Jahre später erzählte sie mir vom Gespräch am Elternabend kurze Zeit nach dem Ereignis, wo ihr auch die Fälschung gezeigt wurde. Statt die Ankündigung einer strengen Ermahnung auszusprechen, konnte sich meine Mutter vor Lachen nicht halten. Ich hatte ihren Namen falsch geschrieben....

Als wir uns später mit dem Vorfall beschäftigten, war sie der Ansicht, dass eine Geburt, wo immer sie auch stattfindet lehrreicher ist, als jeder andere Unterricht auf dieser Welt.
Typ
lustig
Autor
Burkhard Jysch