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Titel
Der Weg
Der Text
Es gab einen Feldweg, der von landwirtschaftlichen Fahrzeugen genutzt wurde. Er war gerade einmal so breit, dass die Trecker darauf passten, die damals nur vereinzelt vorhanden waren. Staubig war er im Sommer und knochenhart im Winter, mal versank er im lehmigen Morast und blieb ganz für sich. Da er in Ost West Richtung verlief, belohnte man sich mit einem Blick in den Sonnenuntergang am Abend. Ein Landschaftsmaler damaliger Tage hätte sicherlich seine gesamte Palette nutzen können, da die zahlreichen Felder mehrheitlich sehr verschieden genutzt wurden. Heute reichte die Farbe Grün für Mais und Gelb für Raps.

Jedes Feld verriet sich durch seinen eigenen Duft. Ich hätte mit geschlossenen Augen gehen können und wusste doch genau, wo ich war. Weizen hatte einen leicht anderen als Roggen. Am Rand roch es nach Mohn. Fremd und geheimnisvoll. Jene Feldränder waren noch so breit, dass es genug Raum gab für Insekten, die Schädlinge fraßen, und selbst von Schwalben gejagt wurden. Das Feld wogte und lebte, und dazwischen lief ich oder blieb stehen, wenn zum Beispiel ein Hase meinte, dass ich ihn übersehen hätte. Er duckte sich tief in eine der Erdfurchen, und hatte zwischen den Ohren zwei dunkle Augen weit aufgerissen, um sofort aufspringen zu können, wenn es zu gefährlich wurde.....

Da das Weserbergland eine Hügellandschaft ist, stießen die wogenden Felder an den still blauen Himmel, wobei es mir manchmal so vorkam, als wäre es umgekehrt, wenn die Windstille eintrat vor dem Gewitter. Es berührte das Eine das Andere, und ließ mich das Ganze wahrnehmen, als wäre es etwas besonderes. Vom Weg konnte man die wenigen Häuser sehen vor dem Wald. Die Häuser, in denen ich aufwuchs. Die überschaubare Bergwerkssiedlung bestehend aus sage und schreibe drei Häusern. Ging man den Weg zu Ende, geriet man zum Friedhof, was im Allgemeinen ohnehin der Fall ist.

Am Weg saßen die Bauern samt Helfern mit ihren Weidekörben voll Zuckerkuchen und schwarzem Kaffee, wenn eine Pause eingelegt wurde. Es wurde wahrhaft geschuftet, und man fiel halbtot ins Bett nach so einem Tag des Bückens oder Heuwendens. Das alles ist zwar lange her, aber ich kann mich nicht erinnern, dass eine Unzufriedenheit sich breit machte, eher das Gegenteil. Ich sah, was geschafft wurde und übersah, was noch geschafft werden musste bis zum Herbst. Es war nachbarschaftliche Hilfe. Geben und Nehmen für und von den Anderen, ohne dass es unmöglich war, alles zu bewältigen.

Wenn es Nacht wurde, konnte man vom Weg nach oben schauen und Sterne sehen, als hätte sie eine gütige Hand wie weißen Sand gestreut. Der Wald lag still, und stieß an sie, ähnlich der Berührung des Himmels mit der Erde tagsüber. Dass Sterne auch tagsüber da sind, wurde mir erst viel später bewusst. Ich vermisste sie ja nicht. Nach und nach verwandelten sich die Felder, und Stoppeln reckten unschlüssig, was aus ihnen wohl werden würde, ihre Hälse in den Hebstwind. Die glückliche warme Sommerzeit würde ihr Ende finden. Am Ende eines jeden Weges, und dieses wohl, weil nichts unendlich ist.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja