Text 197/628

Titel
Die Besucherin
Der Text
Am Morgen kam sie anscheinend regelmäßig. Woher konnte ich nie ermitteln. Sie war die Tage plötzlich da zwischen dem Grün der Vorbepflanzung des Hotels, den Stühlen um die runden kleinen Tische, die zum Frühstück einluden. Als ich sie erstmals sah bemerkte ich, dass sie sich Zeit nahm. Es war kein Huschen, keine Eile in ihren Bewegungen, die sich wie ihr Pelz anschmiegten ans Großstädtische. An Müll und Staub, ans täglich Überleben. Ihr Ziel war gebucht, was die Pünktlichkeit der Mahlzeit betraf. Von einem der Hotelbediensteten wurden um exakt die selbe Zeit Gaben in das Häuschen gelegt, das direkt vor dem Haupteingang auf einem Pfosten thronte. Ein Geisterhäuschen, wie wir immer dazu sagten.

Es hatte ein geschwungenes Dach aus Palmholz, etwas Gold an den Rändern, gelben Bändern und eben jene Fläche, auf der ein Ei, Süßes aus der Küche, ein Streifen Fleisch vom Huhn, Reis oder Zuckerrohr gelegt wurde. Dem Gott gewidmet, der es gnädig annahm und statt seiner Selbst seine Sekretärin schickte....Diese schaffte es mühelos den Pfeiler hoch zu klimmen, während ich im Bestreichen meines Toasts innehielt.

Sie war wählerisch, wie ich feststellen musste. Das Ei interessierte sie mehr als der Reis, Süßes mehr als stark Gewürztes. Gäste, die in ihrer unmittelbaren Nähe Platz nahmen, wurde ihr Frühstück nicht einmal bewusst. Zu langsam waren ihre Fressbewegungen, fast wie in Zeitlupe. Am Dienstag nahm sie sich ein Stück Ananas mit nach unten, wo sie verschwand. Wo war der Beschuss, das Verjagen der Hotelbediensteten? Sie wussten davon, das war klar. Die Duldung zeugte von einer Art mit der Natur umzugehen, die hier fremd wäre, wie Vieles, was hier fremd wäre.

Ausgerechnet am Abreisetag kam sie nicht. Das Häuschen übervoll mit Gaben blieb unbesucht. Vielleicht hatte sie eines der Verkehrsmittel erwischt, oder war einem der Kämpfe erlegen, die es unterm Pflaster täglich gab. Übrigens keinesfalls unähnlich denen über dem Pflaster von Bangkok.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch