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Titel
Der Schrei
Der Text
Die Ereignisse, die sich an jenem Oktobertag abspielten gruben sich mir, dem Behüteten und Beschützten innerhalb der großen Familie ein wie etwas, das ich nicht vergessen sollte.

Es war außergewöhnlich warm. Die Äcker waren abgeerntet, das Heu längst, das Stroh auf den Dachböden später bis unter die roten Ziegel gestopft; alles wartete auf Stürme, auf einen frühen Kälteeinbruch. In den Kellern der Bauernhäuser waren die Buchten mit nach Erde riechenden Kartoffeln prall gefüllt, während die Säcke auf Reparaturen warteten. Den Schweinen war es recht, wenn sie ihr Futter bekamen, nachdem sie zuvor wie am Spieß danach schrien. Es waren derer vier die, außer Schrot, gekochte Kartoffeln und Rüben zu fressen bekamen. Die Gier, mit der sie ihre Mahlzeit verschlangen, hatte etwas wahrhaft tierisches. Wenn sich das Landleben in die Buchten und Keller der Bauernhäuser zurück verlagerte und Pflaumenmusduft durchs Haus zog, waren nur noch Rüben Haufen an wenigen Feldrändern zu sehen.

Die Ratte hatte ihren dritten Wurf in diesem Jahr ohne große Verluste in die Welt gesetzt. Aus Instinkt waren selbst die Kleinsten absolut still, wenn es ein Geräusch gab, das nicht ihrer Mutter zuzuordnen war, die sie für eine Zeit stillte, bis sie die Dachböden und Keller selbständig nach Futter absuchten. Im Sommer waren ihre Spuren aufgefallen durch ihren Dung, den sie zu Füßen der aufgerissenen Kornsäcke leichtsinniger Weise hinterließen. Fallen wichen sie geschickt aus, und Rattengift wirkte damals aus Unkenntnis des Verhaltens dieser Tiere kaum. Fanden sie einen Köder, schickte man die ältesten vor, um zu sehen, ob es ungefährlich war ihn zu fressen.... Erst nach 48 Stunden wagten sich die anderen ans verdächtige Mahl.....

Bevor die im Feld liegenden Rüben ins Haus gebracht wurden, mussten die Kellerbuchten gesäubert werden. Alte Bestände waren ein Fall für den Kompost, doch ab und an gab es noch verwertbare Exemplare, die aussortiert werden mussten. Das gedämpfte Kellerlicht beschien einen letzten Rüben Haufen, der noch übrig geblieben war in der Ecke einer Bucht. Mit flinken Händen war die Oma seit dem Mittag bei den Vorbereitungen. Ihre Arme und Beine werden geschmerzt haben, als die letzte Karre mit den verfaulten Rüben darauf wartete nach draußen gebracht zu werden. Schwach vernahm sie Kaffeegeruch aus der Küche oben im Haus. Es war gegen halb vier Uhr am Nachmittag jenes Tages.

Als erstmals das Licht im Kellerbereich angeschaltet wurde, sandte die Ratte erste Signale an ihre Brut aus, sich still zu verhalten. Augenblicklich stellten die Jungen ihr Saugen an den Zitzen ein und schienen in eine Art Starre zu geraten. Angespannt wartete die Alte darauf, dass es kurze Zeit später wie gewöhnlich erlosch und wieder Stille eintrat. Heute war etwas anders. Das Licht blieb an, durchdrang mit schwachen Strahlen den Rüben Haufen und wich nicht. Ja, es wurde bedenklich heller, und war da nicht etwas wie ein Singsang einer vertrauten Stimme? Ein ungewohnt kühler Luftzug zog über ihr Fell. Im Haufen herrschte eine ausgesprochen warme Atmosphäre, aus der Fäulnis entstanden und jener, die aus dem Schweinestall herüber zog.

Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht bei der Arbeit zu singen. Es erleichterte etwas und zog die Schmerzen beiseite, die sie regelmäßig im Rücken spürte. Jedes Jahr war hart, und jedes Jahr wurde es beschwerlicher. Es musste gemacht werden. Der Hof hatte seine eigenen Gesetze, nach denen gelebt wurde. Nur noch ein paar Rüben beiseite geräumt, dann würde ihr der Kaffee schmecken, von dem sie bereits etwas mitbekam.

Mit zunehmender Anspannung hatte sich die Ratte jetzt vollständig um ihre Jungen gewickelt, um sie vollständig gegen das Licht, die Kälte und das Singen abzuschirmen, das immer lauter wurde. Gleich neben ihr verlor sie fast den Halt, als eine faule Rübe zur Seite geräumt wurde, doch sie wich nicht von der Stelle.

Ihr Schrei, der durchs Haus und seine dicken Sandsteinwände drang, war bis unter die Dachpfannen zu hören. Er war derart, wie er niemals zuvor und nie wieder in diesem Haus gehört werden sollte. Er hatte das Unwirkliche, Irrationale, das nicht aus Schmerz geschah, nicht aus Angst oder Verletzung bestand, sondern aus Unerklärlichem. Alles im Haus stürmte die Treppe zum Keller herunter, alle wollten eine Erklärung für diesen lang gezogenen Schrei, der nicht enden wollte und in einen weiteren führte, nachdem die Luft dafür vorhanden war.

Die Ratte war zum Zeitpunkt des Zugriffs in einer für sie ausweglosen Situation angelangt. Sie musste ihre Brut schützen und sich selbst. Alle Sinne und Anspannung waren für diesen einen Moment der höchsten Bedrohung ausgerichtet. Während des Singsangs der Oma wird sie Strategien durchdacht haben und Fluchtwege an der schummrigen Kellerdecke erkundet haben. Und hatte keine gefunden. Mit aller Kraft sprang sie hoch, als sie die knochigen Finger um ihren Laib spürte. Es begann eine Flucht über die engen Kellerwände und Decken, als wäre es ein Rad mit Grenzen, aus denen es kein Entrinnen mehr gab.

Am Nachmittag viel später sollte die Oma berichten, dass sie eine der letzten für faul gehaltenen Rüben auf den Haufen der anderen werfen wollte, und in dem Moment, als sie zugriff, plötzlich kurz eine Wärme spürte als wäre es ein Stromschlag. Das Rotieren der Ratte über Wand und Decke nahm sie selbst nur noch als unmittelbare Bedrohung wahr, aus der sie nur sehr schwer wieder in eine Normalität zurück kehren sollte.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch