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Titel
Der Rittberger
Der Text
Wer sein Leben lang von Eis und Schnee geträumt hat, mit Inbrunst die Weihnachtslieder vom leise rieselnden Schnee, von "let it snow" und "white christmas" auswendig mitgesungen hat, der kann verstehen was passiert, wenn er ausbleibt, der Schnee. Die Sehnsucht bleibt, auch wenn Weihnacht gestern war. Das Stadtmarketing hat sich offenbar Gedanken darüber gemacht, wie eine gewisse Befriedigung trotz Ausbleiben des kompletten Winters aussehen könnte.

An landschaftlich schöner Stelle legen Techniker eine Eislauffläche an, die weder aufs Wetter, noch auf Winter reagiert, sondern auf Knopfdruck. Schon bald bildet sich in einem Areal mit brusthohem Geländer eine Lauffläche aus Eis, und lockt die enttäuschten Winterlinge zu sich. Auch mich. Pressemeldungen sprechen von einem Wintervergnügen!!!!

Voller Tatendrang treibt es mich in den Keller, wo diverse Habseligkeiten mehrerer Umzüge ihr tristes Dasein fristen. So auch meine Schlittschuhe aus den 60er Jahren....Bis ich feststelle, dass sie gar nicht im Keller sind, vergeht ein Wochenende. Suche auf dem Dachboden nach meinen Schätzchen und tatsächlich.....da sind sie ja!!! Hatte sie noch zusammen gebunden, damit sie niemals getrennt werden.... Von der Idee sehr bald ins Wintervergnügen mich werfen zu können beseelt, erreiche ich das Areal, in dem sich schon die halbe Stadt tummelt. Das Eis selbst vermute ich unter den Kufen der Hingleitenden. Zu sehen ist es nicht.

Auf einer kleinen Bank ziehe ich mir die Schuhe über, die so treu und brav seither auf diesen Moment nur gewartet haben. Zuvor leere ich noch etwas Stroh, vermischt mit Haselnussschalresten und einem Skelett der letzten Bewohnerin über einem Stadtabfalleimer aus. Das brennende Fieber der gleitenden Bewegungen auf Eis, die Faszination schwerelos zu sein, wird unerträglich. Mit den Resten der morschen Schnürsenkel verbinde ich Fußgelenk mit Schlittschuh und wünsche allen Beteiligten einen guten Rutsch!

Im Laufe der Jahre haben sich die Schwerpunkte des männlichen Körpers etwas verzogen. Die ganze Längsachse, von der Querachse ganz zu schweigen. War ich seinerzeit in der Lage sogar zu bremsen, einen Schwung in vorgesehener Richtung aufzunehmen, muss ich heute leider die gravierende Achsverschiebung feststellen. Mein Paradesprung damals war der einfache Rittberger mit vorgesehener Halbschraube. An jenem diesem Nachmittag jedoch begnüge ich mich damit, zwei Umrundungen an der Bande hin zu bekommen. Vernehme noch leise die Worte zweier Mädels:

"Da kommt er wieder..."

Fazit der Eisvergnügens:

Schuhe werden konsequent im Keller gelagert, mit Mäusegift geschützt, und Schnürsenkel alle 30 Jahre erneuert. Mindestens!
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch