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Titel
Der Räuberwald
Der Text
Von ein paar Schlehen Büschen abgesehen stellte sich der Kamm der Anhöhe wie schnurgerade rasiert dar, ließ den Blick auf den Höhenzug weit dahinter frei, und stieß dann ans Wäldchen, bevor er sich in der Ferne verlor und es einfach stehen ließ. Wie es entstand blieb mir bis heute unbekannt, was vielleicht der Grund war, es damals öfters zu besuchen, um auf sein Geheimnis zu stoßen. Der Fußmarsch durch die Felder dauerte nicht einmal eine halbe Stunde, in der es mit jedem Meter wuchs, bis ich vor den ersten trockenen hohen Tannen stand, die den Rand bildeten. Es gab Stellen, wenige Stellen, die den Zugang ins durchweg dunkle Innere erlaubten. Alles andere war in wildem Durcheinander von Brombeerhecken und Nesseln dem Besucher verwehrt, wenn er die meterhohe Wand vor sich sah.

Auch wir gingen so lange um das Wäldchen herum, bis wir die geeignete Stelle fanden, um dort einzudringen. Schon das galt als Mutprobe, denn für uns Kinder schien es, dass jeder, der darin verschwand, für immer verschwunden bleiben sollte. Am südlichen Rand gab es eine Senke. Ein Loch, das wohl zehn Meter mal zwanzig Meter maß, mit spektakulär grünblauem kristallklarem Wasser, nicht einmal tief. Am Fuß einer steinigen Abbruchkante, die im Wasser verschwand, schwammen im Frühsommer Kaulquappen und zahlreiche andere Kleintiere, von denen keiner ihren Namen kannte. In den flachen Steinen waren Spuren früherer Zeiten eingraviert, und des Nachts träumte ich von Sauriern, die hier wieder schlüpften....Aus Büchern wusste ich von ähnlichen Bedingungen, die meine Fantasie beflügelten.

Tatsächlich gab es später Interesse der Wissenschaft an einigen Kleinstlebewesen, die weitgehend unbekannt waren und als ausgestorben galten.

Es gab immer einen Mutigen, der voran ging und uns Feiglinge nach sich zog. Hinein ins Dunkel des sich selbst überlassenen Dschungels aus umgestürzten Bäumen und verfaulenden Stümpfen, aus moosbewachsenen Erdhügeln, die sogar etwas Sonne abbekamen, aus umgeknickten Bäumen, die im Lauf der Jahre in der Luft vertrockneten. Ausgedehnte Fuchsbauten zeigten uns, woher sie also kamen und Hühner stahlen..... Verbotenes wurde hier ausprobiert. Rauchen zum Beispiel. Dazu wurden Grashalme gedreht, angezündet und inhaliert. Schwer hustend bestanden wir die Prüfung, die uns erst einmal ein paar Jahre vom Verderben des echten Tabaks zurückhielt.

Dass hier Räuber wohnten, war uns klar. Es war die Zeit, in der die Fantasie die Wirklichkeit überholte und sie eintauschte. Eine Zeit, in den Sommerferien des Lebens. Auf dem Rückweg durch die zahlreichen Felder mit ihren Kamille Rändern sahen wir uns um, ob uns nicht doch gefolgt wurde, um uns zurück zu holen. Ins Dunkel verschleppt und nie wieder zu finden.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein