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Titel
Der Nachbar
Der Text
Er hielt das Schreiben seines Nachbarn in der Hand. Mit jeder Zeile, die er las, kochte es mehr in ihm. Ja, es brodelte geradezu in seinem ganzen Körper, wobei so etwas wie Kohlensäure in ihm hoch stieg, und in seinem Hirn eine Mischung aus Wut und Rache wuchs. Kurz nachdem er den Wisch in die Küchenecke gefeuert hatte, grübelte er darüber nach, ob auch er so eine Unverschämtheit aufschreiben sollte. Genug Stoff dafür hatte sich in den Jahren angehäuft....

Waren da nicht die unsäglichen Besuche mit den unerzogenen Blagen in dessen Bekanntenkreis? War da nicht das Warmlaufenlassen des Motors in Winterzeiten? Ausgerechnet ein Diesel, der vor seinem Schlafzimmerfenster die Feinstaubteile über seine Bettkante in sein Gesicht blies? Mehr und mehr war er davon überzeugt, dass er umgebracht werden sollte. Von diesem Nichts hinter der Hecke. Die Frauen gingen sich schon längst aus dem Weg, pressten ihre Lippen zusammen, wenn sie sich auf der Straße begegneten, und sahen demonstrativ in entgegengesetzte Richtungen. Während seine jeweils 10 – 15 Unterwäscheteile derselben Farbe und Machart auf die Leine hängte, flatterten nebenan Dessous in einer Höhe, so dass sie keinesfalls zu übersehen waren. Eine Provokation gewissermaßen unter der Gürtellinie.

Beim Thema Schnee musste er dem Nachbarn widerstrebend recht geben. Sein Atem beim Schaufeln ging schwer. Er würde sich einen motorisierten Schieber kaufen, und sogar die Nebenstraßen damit reinigen, um genug vor der Neben Einfahrt abzuladen. Die Bierfallen für Schnecken taten offensichtlich ihre Wirkung. Die Viecher kamen zuhauf, worauf er sie massenhaft über die Hecke werfen konnte, was ihm ein außergewöhnliches Vergnügen bereitete. Nur schade, dass er Maulwürfe nicht so auflesen konnte. Sie waren eine Plage für sich; die Begasungsaktion mit dem Auspuff ein herber Rückschlag, zeigten aber das weit verzweigte unterirdische Labyrinth der Plagegeister durch starke Verbrennungen der Grasnabe.

Vor dem angekündigten Hund hatte er nun wirklich keinen Respekt. Für eventuelle Hinterlassenschaften lag schon der Plan bereit, wie man sie mit einer Grillzange packte, und ab damit in den Briefkasten.....nebenan. In einer Gartenzeitschrift las er kürzlich von einer sagenhaften Brombeersorte. Ihre Wurzeln reichten fast bis Australien, ihr Vermehrungsdrang war ausgeprägter als vergleichbar harmlose Sorten. Schon gleich würde er im Internet Nachforschungen angehen nach "Theodor Reimers", so die Bezeichnung. Ein paar dieser Wüstlinge würde er unter der Hecke vergraben.

Theodor als Antwort auf Rufus. Bei diesem Gedanken erhellte sich sein finsteres Gesicht....
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja