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Titel
Das Jahrtausend der Greise
Der Text
Bei einem Stadtbummel mit guten Bekannten fiel es mir auf: Es gibt Apotheken. Es gibt viele Apotheken. Im Eingangsbereich hängen mit Nachtlicht versehene Schautafeln, auf denen angezeigt ist, welche Apotheke Nachtbereitschaft hat. Die Tafel der infrage kommenden Einrichtung gegen körperlich Leid ist lang. Die Zeiten, als eine bestimmte Person im Ort die Hand auflegte, und eher Trost als Aspirin zu sprach, sind Vergangenheit. Gegen jedes Leiden gibt es das passende Gegengift. Ist die Gesellschaft krank geworden? Gehen wir zu schnell in die Apotheken bei Mini Weh Weh?

Auf jeden Fall ist die Gesellschaft älter geworden. Wer älter wird, braucht mehr Medikamente, mehr Apotheken. Als Klein Buckj einmal wieder dicke Mandeln hatte, wurden diese von Außen mit einer feuchten warmen Socke umwickelt, was ihn fast umgebracht hätte. Eine Zwiebel aufs Ohr gab es, wenn es dort Probleme gab. Die nächste und einzige Apotheke war Kilometer entfernt und verkaufte alles außer Socken und Zwiebeln.

Das Geschäft mit der Krankheit floriert. Die Anzahl der Krankenkassen steigt mit jeder Mandelentzündung. Empirisch laufen wir in das Jahrtausend der Greise. Die Hitparade der Volksmusik wird die Einschaltquoten der Tagesschau locker überflügeln, der Rollator das Surfbrett für 70 Plus. Die Pflege der Menschen, jüngst einen Beitrag über Demenz dem Fernsehen wert, wird mehr und mehr in den Mittelpunkt geraten. In einen unabänderlichen Mittelpunkt. Die Kosten für Pflegemittel und gar Pflegekräfte sind kräftig gestiegen. Schneller als die Familie mit ihren Ausgaben nachkommen kann. Ein bundesweit geltendes Gesetz über Finanzausgleich wird aktuell erst von einigen Bundesländern angewandt. Niedersachsen beispielsweise lehnt ab und sich zurück ohne Begründung.

Hilfe kommt von außen, sprich Staat zu wenig, was das Finanzierung anbelangt. Wer verwandt oder verschwägert ist, hat die Aufgabe usw usw....Es müsste heißen Ausgabe. Deutschland ist, im Gegensatz zu anderen zivilisierten Nationen, noch gut bestückt in Unterstützung und medizinischer Versorgung. Such mal einen Druiden in der Atacama, der eine beleuchtete Tafel mit auch nur einer Nachtdienstapotheke im Umkreis von 2000 Kilometern hat.

Der mittlere Altersschnitt in Deutschland beträgt Prozentzahlen in den unteren Vierzigern. In Ägypten beispielsweise in den unteren Zwanzigern. Wer einen Rollator in Buenos Aires sucht, sucht vergebens. Hier wird das Beweglichkeitsproblem durch die natürliche Auslese gelöst, sowie durch Armut.

Die Formel Reich - alt, Arm - tot gilt weltweit. Es gibt Ausnahmen. Eine davon wurde heute zu Grabe getragen. In einem rosa Sarg begrub man die Überreste einer jungen Frau, deren Brüste nach fünf Operationen ihr immer noch nicht groß genug waren. Sie starb bei der OP. Vielleicht eine Urteilsverkündung gegen eine Gesellschaft, der vorschwebt, jedes Schönheitshindernis zur Not auch mit dem Messer zu beseitigen. Koste es was es wolle. Und sei es das Leben.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch