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Titel
Das Bad
Der Text
Sie beugte sich tief über das Laub, das die Blumen bedeckte auf dem Grab ihres Mannes. Sie sammelte Blatt um Blatt in der Art, wie sie es früher mit einem Haar, ein paar Schuppen auf seinem Revers gemacht hatte. Dieses Mal sagte er nichts. Früher grummelte er immer, wenn sie es tat. Sie ignorierte es wie fast alles an ihm. Es gab Tage, da schimpfte sie regelrecht mit ihm, machte ihm Vorwürfe sie allein gelassen zu haben mit dem großen Haus und mit der Last jetzt sein Grab pflegen zu müssen. Andere gingen an der Alten vorbei und schüttelten mit den Köpfen. Es gab aber auch Tage, da war sie ganz lieb zu ihm und bedankte sich für den bescheidenen Reichtum, den er ihr hinterließ.

Ihre Ehe verlief ebenso glatt und stürmisch wie das Leben eines Schiffes auf hoher See. Nach und nach starben Verwandte und Bekannte, und am Schluss waren Sie übrig geblieben. Sie und das Haus. Ihre Liebe war aus Respekt voreinander und Gewohnheit, bestand aus dem Atem, der des Nachts aus dem Kissen drang, und ohne den es kein Einschlafen gab.

Sie besuchte sein Grab regelmäßig. Nahm die Gießkanne hinter dem Stein und goss die Petunien, kümmerte sich um die Stiefmütterchen und sah, wie die Kantsteine schräg in der Erde versanken, wenn wieder einer der Holzsärge einbrach und den Rest des erkennbaren ehemaligen Lebens verschüttete. Wer genau hinsah, und sie über einen längeren Zeitraum beobachtet hätte, konnte feststellen, dass sie immer sehr ausgiebig die Blumen wässerte, hätte sich aber darum keine Gedanken gemacht.

Das Haus war ebenso wie die Beiden aus altem Holz. Es war zäh, hatte tiefe Riefen in seiner Haut und stand etwas schräg in der Landschaft an einem See. Als sie einzogen war es Winter gewesen, und der Schnee blockierte die Tür, als ob es sie nicht hereinlasse wollte. Sie sahen sich in den halbdunklen Räumen um und fanden es geeignet zum Kauf. Es hatte ein großes Bad mit einer Emaillewanne, die auf verschnörkelten Beinen stand, die der Entwickler seinerzeit ihren Beinen abgesehen haben konnte, als er sie schuf. Die Vorhänge in den hohen Räumen waren schwer und verbraucht, die Haken an denen sie hingen, glichen denen der Dame in ihrem Ohr, an dem sie die Klunker trug. Halb ausgerissen, und so gab es noch viele Übereinstimmungen, die ihnen allesamt nicht bewusst waren, doch ihr Unterbewusstsein zum Kauf anregten.

Die Sonne stand jetzt schräg und bestrich das Gold in den gehauenen Buchstaben, die seinen Todestag festhielten. Wenn sie dieses Datum las, lief immer noch ein Schauer über ihren Rücken, und die Ereignisse kamen über den Stein zu ihr auf die Bank - ja sie setzten sich neben sie. Unsichtbar, nur in ihren Gedanken lebendig kamen sie zu ihr.

Es war ein Wochenende gewesen. Das Wetter war wieder einmal kalt und regnerisch, und er hatte sich Wasser einlaufen lassen, das bis zum Rand der Wanne reichte. Er liebte Wasser seit seiner Kindheit und genoss es in ihm zu baden.

Sie bemerkte hinter dem linken Kantstein eine herunter gefallene Kastanie und stand auf, um sie zu entfernen. Beim Bücken war es dieselbe Haltung, die sie damals einnahm, als sie das Leinentuch zum Trocknen aufhängen wollte. Vorbei an ihm, vorbei an der gefüllten Wanne in der er lag. Etwas überkam sie. "Es muss getan werden" flüsterte es in ihr. Mechanisch schlang sie das Tuch um seine Füße und zog ihn unter die Wasseroberfläche. Die Überraschung und das plötzliche Einatmen des Wassers machten es schnell. Sie wartete eine Weile, bis er sich nicht mehr rührte und ging zum Telefon.

Niemand kam auf die Idee.

Heute Abend, sie hatte auf die Annonce geantwortet, sollte er bei ihr vorbeikommen. Am Telefon klang seine Stimme wie die ihres Mannes. Er würde Blumen mitbringen, so hoffte sie. Blumen, die sie ausgiebig gießen konnte da draußen, auf seinem Grab.
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch