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Titel
Das Samenkorn
Der Text
Durch irgendeinen Hauch, nicht mehr als etwas, das kaum den Flügel einer Libelle sichtbar bewegt hätte, löste sich das Samenkorn aus der Höhe, und ich, der es sah, war nicht einmal sicher, dass es noch vor Einbruch der Dunkelheit den anvisierten Boden erreichen würde. Dass es von einem Baum in der Nähe kam, oder bereits eine längere Reise übers Feld hinter sich hatte. Durch Aufwinde immer wieder angetrieben noch weiter, noch ein wenig mehr von dieser Stoppelwelt zu erkunden, um einen der Zufälle zu erleben, die versprachen, dass aus ihm einmal etwas werden würde. Ein Baum, ein Strauch, der Beginn einer Lovestory, aus der mehr und mehr solcher wundersamen Dinge hervor bringen sollte, weil es die Natur so wollte und nicht anders.Vielleicht einen Wald?
Die meisten schwebenden Künstler landeten auf etwas, das nicht die Spur einer Chance für Wachstum offenbarte, weil entweder die Zeit nicht gekommen war, der Ort nicht der rechte, oder ein anderer verborgener Faktor eine Rolle spielte, von dem keiner etwas wusste, der im Graubereich des Lebens aber einen Platz einnahm und darüber wachte. Ich beschloss die Augen etwas zusammen zu kneifen, um das Samenkorn zu verfolgen. Wie es ohne eigenen Antrieb auf so etwas großes wie die Welt fiel.
Hier am abgeernteten Kornfeld stand noch immer der Phlox eines ehemaligen Schrebergartens in trotzigen Rabatten, betörte mit seinem süßlichen Duft so manchen Schmetterling, der nicht umhin kam in ihn einzutauchen, sobald wie möglich aber schon wieder weg zu taumeln. Das hatten sie alle gemeinsam, die Fallschirmspringer, die kleinen Hubschrauber des Ahorn, der Löwenzahn im Frühling, wenn er sein weißes Haupt schüttelt wie eine Diva, die sich von einem Fan beobachtet fühlt und den Moment genießt.
Der Moment, wo es endlich den Boden traf, sollte mir verborgen bleiben. Ich sah es noch, wie es im schwindenden Sonnenlicht dessen Farbe annahm, als wären es von dort gekommen, und nicht von dieser Welt. Murmelte etwas wie "nun mach was draus", und begab mich aus dieser abendlichen Stimmung hin zur Straße, einem Weg für mich und andere, geebnet und für festen Halt sorgend, damit man da ankommt, wo man hin will, hin gehört und manchmal, wie heute Abend, einfach zu früh wieder weg muss.
Betrachtet man in mondarmen Nächten den übersäten Sternenhimmel kommt es vor, dass sich dort etwas wiederholt, dass es einer Kraft bedarf, die hinter dem Leben steht, es voran treibt, und das, ohne dabei den Flügel einer Libelle zu bewegen.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein