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Titel
Dat wät nix
Der Text
Diese in Pattdeutsch gehaltene Ansprache kam vom Willi links, meinem Nachbarn, zu dem wir frisch zugezogen waren. Er selbst bewohnte ein großes Reethaus, das sich hinter sechs dicken alten Eichen versuchte zu ducken. Uns trennte ein schnurgerade gezogener Maschendrahtzaun und sechzigjährige Gartenerfahrung, die er mir voraus hatte. Als Werkzeugmacher besaß er die Fähigkeit alles in Perfektion auszurichten, zu planen und anzubauen, hatte eine stattliche Sammlung Einweckgläser im Keller und seine Frau Gisela. Sie kam bei allem ins Spiel, wenn es ums Kochen, oder Backen ging, Willis Garten aber war tabu.

Mich beschlich das Gefühl genau beobachtet zu werden. Nachbarn machen das, wenn die Neuen kommen und beginnen aufzuräumen. Ich hatte zwar auch Gartenerfahrungen, aber gegen Willis war ich ein Nichts, der sich nur auf die dicksten Kartoffeln verlassen konnte, die ja vom dümmsten Bauern kommen sollten.

An einem dieser Tage setzte ich meinen eigensinnigen Plan um, eine Saufmulde zu bauen. Im Englischen "sunken Garden". Sie bestand aus einem 1,50 m tiefen Rund bei drei Metern Durchmesser. Die leicht ansteigenden Wände wurden mit Naturquadern verstärkt, und dazwischen sollte Steinkraut wachsen, verschiedene Moose sich ansiedeln, oder Trockenheit liebende Kleingewächse wie Sedum, eine gelb blühende Schönheit, die die Nähe der Steine bevorzugte. Willi muss mich bereits die Woche durchs tiefe Küchenfenster beobachtet haben, wie ich mit Spaten, Spitzhacke und Schaufel Kubikmeter schwarzer Sanderde heraus schaufelte.

"Das letzte Mal, als ich so einen riesigen Krater hier in der Nähe sah, war es durch eine Luftmine der Engländer, die sie hier abwarfen." Willis Humor band er meist mit kleinen netten Schleifchen versehen und warf ihn mir über den Zaun. "Wat wät dat denn?" "Ich grabe eine Saufmulde, Willi, eine wo man windgeschützt sein Bierchen trinken kann, von hummelnden Bienen und Schmetterlingen umgeben. Nächste Woche hole ich noch Basaltsteine aus dem Osten rüber, da reißen sie die Dorfstraßen ab und legen Asphalt." Willi zog eine Braue hoch bei der Erklärung. Er machte das gewiss auch bei der Prüfung eines Werkstückes, das von einem seiner Lehrlinge auf den Millimeter geprüft wurde.

Immerhin schien ich mich abzuheben von seinen gezirkelten Möhrensaatenreihen, oder den akkurat angehäufelten Kartoffeln. Nach schweißtreibenden Tagen saß ich erstmalig ganz allein auf einem klapprigen Gartenstuhl auf DDR Basalt, und fühlte mich windgeschützt genug, um eine eiskalte Flasche Bier zu öffnen. Falls ich ein Lob für meine Schinderei erwartet hatte, es kam nie etwas in der Art, denn nix war 100 Prozent, was ich anstellte. Selbst aus dem All konnte man sehen, dass ich es schludrig machte, Buschbohnen hoch aufgerichtete Stangen zum Klettern anbot, oder die kleinste Sorte süßer Erdbeeren der Marke "Mieze Schindler" pflanzte. Und dass ich ausgerechnet die wildwüchsige Sorte "Theodor Reimers" von Brombeeren direkt am Zaun vom Oberschlaumeier, (der Nachbar zum Süden) anpflanzte merkte ich erst, als er mir schon nach einem Jahr Schläge anbot.

Inzwischen vergingen die ersten Jahre mit großen Missernten oder zertrampelten anpflanzungen durch hier ansässige Rehe, die sogar Willis Zaun übersprangen und sich über seine zarten Möhren freuten. An sein "Dat wät nix" hatte ich mich gewöhnt, und er, dass er nichts an mir ändern konnte. Einmal sogar reichte er mir aus seinem Gewächshaus eine stattliche Schlangengurke rüber, während meine Handbreite erreichten unter freiem Himmel. Er sprach immer von meiner Krautwüste, wie er sie nannte, dabei wurde sie reich besucht von allerlei Gesumse, das es in den kultivierten Gärten ringsum nicht aushielt. Nur mit den Auster Schalen vom Kompost konnte niemand etwas anfangen. Die hielten sich über alle Jahre, und wenn sie nicht durch mich gestorben wären, dann durch Heimweh zur Bretagne, zum Meer, von wo sie kamen.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein