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Titel
Das Fachwerkhaus
Der Text
Schon der Boden auf dem man dich errichtete, schon der hätte eine Begutachtung gebrauchen können noch bevor man dicke Balken anschleppte, sie vor dem Areal aufschichtete, noch bevor man etwas planierte, was eine ebene Fläche ergeben sollte, die keine war und auch keine bleiben würde. Es war letztlich der Lehm, der sich ansog an die groben Stämme zuunterst, das Holz umschloss wie etwas, das bleiben sollte. Allein warst du nie. Immer schon standen Typen wie du hier herum in geringem Abstand zur gegenüberliegenden Straßenseite. In einer Breite, die ein Fuhrwerk soeben hindurch ließ. Das waren die Maße auf die man schaute. Nicht die Zukunft, die etwas andere Normen ansetzen würde. In deiner Gegenwart packten grobe Hände zu, schauten Augen in etwa die Richtung, in der es weitergehen sollte. In der Höhe wie in der Breite. Die Zeiten von Zollstock und Wasserwaage lagen noch in Ferne.

Wenn ich dich als krummbeinig beschreiben würde, wäre es untertrieben und unhöflich, als würde ich es zu einer alten Dame sagen. In die freien Flächen deiner Fassade schmierte man Lehm mit Stroh vermengt, von dem es reichlich gab. Es hielt, und trocknete bei Sonne hart wie ein Brett. Wenn dazu auch noch nach alter Überlieferung ein paar Holzzapfen gesetzt wurden, etwas, was die Balken zusammen hielt, was war dann noch auszusetzen dich auf den Weg in die Jahre zu schicken, die vor dir liegen würden? In dir, so sagt man, fühlten die Leute sich wohl geborgen. Hatte man doch durch die Nichtperfektion der Natur genügend Lücken gelassen, um ins Haus zu kommen, es wieder zu verlassen. Du bliebst aus dem Material aus dem das Land ringsum war.

Es sollten schwere Zeiten kommen. Es kam der Krieg. Man brannte und walzte so viele deiner Art einfach nieder. Dafür warst du nicht gebaut worden, ungerüstet. Damit wollte keiner rechnen. Doch ab und an, wie ich vor dir jetzt stehend feststellen muss, blieb etwas stehen. In Städten wie Hameln, Bremen, Lübeck zum Beispiel. Verändert werden durfte nur, wenn es das Ganze nicht verdeckte, das Alte sichtbar blieb mit seiner Verletzbarkeit und schräger Vergangenheit. Durch winzig kleine Butzenscheiben wird manches Auge geschaut haben, was draußen vor sich geht, schiebt, gezogen wird, wird manches Schwätzchen gehalten worden sein. Es zogen hier blumengeschmückte Wagen durch zum Fest, und Männer mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten, Gewehre aus denen noch Blumen sprossen.

Als man begann deinen Wert zu schätzen vergingen Jahre. Die brauchte es wohl, um heute Touristenströme staunend durch die engen Gassen gehen zu lassen. Auch wenn jetzt energiesparende Scheiben die alten Einfachen ersetzen, auch wenn kein Reif mehr daran haftet durch den ein warmes Licht zu sehen ist, du hast schiefbeinig überlebt. Und als ich an dem sich zur Seite neigenden Tisch in Hamelns Altstadt mein Bier bestellte, kam ich mir vor wie auf einem schaukelnden Schiff, das auf einem Meer treibt, das Wellen nur in eine Richtung kennt. Sie bleiben einfach stehen gegen den Lauf der Zeit, gegen die Strömung.

Genau wie du.
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein