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Titel
Das Festival der Esel
Der Text
Einmal im Jahr konnten Besitzer von Eseln auf dem internationalen Esel Festival in Graubünden den Zuschauern zeigen, was in ihren Langohren steckte. Dazu galt es einen Parcours zu bewältigen, der verschiedene Hindernisse aufwies, an denen zum Beispiel die Esel gelassen vorbei zu gehen hatten, und jenes "Mir-doch-egal-Gesicht" aufzusetzen, das von der mehrköpfigen Jury bewertet wurde. Mit dabei waren folgende Teilnehmer:


Aus Schottland Esel Mc Pimms, ein strammer Hengst mit eigenem Kopf mit seinem ebenso verhaltensauffälligen Halter
aus Italien Eselin Paola mit Halter Walter
Esel Jonny für Deutschland mit seiner aparten Halterin Lotta
aus der Schweiz Lokalmatador Grüazi, Kanton Graubünden, mit der erst fünfzehnjährigen Heidi
und fünf weitere Teilnehmer, die vor dem Wettkampf kurz vorgestellt wurden, bis auf Mc Pimms, der sich an einer außerhalb des Runds gelegenen Grassode fest gebissen hatte...

Nach der Startauslosung konnte es losgehen -

Es galt an insgesamt acht Hindernissen ohne Punktabzug bis ins Ziel zu gelangen. Einem hohen Bogen aus Reisig, an dem an Fäden aufgehängte Möhren in Kopfnähe die letzte Hürde bildeten. Nach einer zehnminütigen Startverschiebung wurde Mc Pimms mit Hilfe von drei kräftigen Burschen herein geschoben, wo er erst einmal die Zuschauer mit seinem rostigen Gezirpe zu Beifall brachte. Als er endlich ausgezirpt hatte, konnte ihn sein kräftiger Halter am ersten Hindernis, einem beidseitig aufgeschichteten Heuhaufen frisch geschnittenen Almheus, vorbei ziehen. Er hatte es fast geschafft, als Pimms sich zurück wandte und seiner Leidenschaft, in den Haufen zu beißen, nicht widerstehen konnte. Die Richter machten Striche...

Es wartete das nächste Hindernis, ein im Kreis laufender feuerroter Rasenroboter, der leise, aber für Eselsohren hörbare Geräusche von sich gab, und in der Gefahrensparte seines Hirns nicht einzuordnen war. Pimms ging in die Fußbremse, konnte aber mit Versprechungen in beide Ohren weiter bewegt werden. Vorbei ging es an einem künstlich angelegten Wasserloch, das ohne mit der Wimper zu zucken links liegen zu lassen war, was für durchweg durstige schottische Esel ebenso schwierig war, wie für ihre Besitzer, wenn auf ihrem Wanderweg etwas von "Whiskytasting here!" stand. Bei den folgenden Hindernissen ging alles glatt. Ein tiefer Ton aus einem Almhorn stoppte die Zeitschaltuhren.

Von den nachfolgenden Mitstreitern und Innen seien nur jene erwähnt, die am nächsten Tag in der Zeitung standen.

Die Italienerin Paola stutzte vor dem 10 Meter langen Wasserhindernis, das durch einen halbhohen Tunnel verlief. Nach Überwindung ihrer Dunkelangst, betrat sie vom Halter Walter gezogen den Schacht, und tauchte erst einmal nicht mehr auf. Besorgte Augen verfolgten minutenlang das mysteriöse Geschehen, lauschten auf merkwürdige Geräusche, bis sie rückwärts den Tunnel verließ, allerdings ohne Halter Walter. Der wurde halb ohnmächtig aber noch am Leben auf einer Trage hinaus befördert und ins Spital eingeliefert. Was im Tunnel bei der Wende geschah bleibt im Dunkel...

Esel Jonny war ein wahrer Sprinter. Er kümmerte sich weder um Hindernisse, noch ums Publikum, das entzückt frenetischen Beifall spendete, als er Lotta halb waagerecht hinter sich her zog, und im Esels Galopp alles links liegen ließ. Klar, er hielt die Reihenfolge der Hindernisse nicht ein, die Jury machte Striche...Er spendete nicht einen Seitenblick dem dunklen Tunnel, bekam aber zum Ausgleich Pluspunkte, weil er gleich nach dem Almhorn eine Gesangsprobe abgab, die den Tönen einer Schweizer Milchkanne gleichkam, welche auf abschüssiger Fahrt die Dorfstraße herunter schepperte.

Seinen Heimvorteil nutzte Grüazi zum Sieg! Ihm taten die heimischen Anfeuerungsrufe in die Plüschohren gut, und ließen ihn an den verführerischen Fressvorlagen nahezu blind vorbei gehen. Es mag daran gelegen haben, dass er mit Kohlrabi voll gefressen, und mit ordentlich Wasser voll gepumpt war, damit er gar nicht erst auf falsche Gedanken kommen sollte. Diese Art Doping fiel fast nicht auf, wenn er nicht ganz am Schluss unter dem Möhrenbogen kurz stoppte, buckelte, dass die Ohren sich nach vorn senkten, und einen langgezogenen Verdauungston zum Besten gab...Die Jury machte Notizen...und ordnete eine Dopingprobe an.

Dem Sieger winkte eine Doppel CD von Andrea Berg und ein Abend mit Florian Silbereisen...
Typ
lustig
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein