Text 125/622

Titel
Das Zeugnis
Der Text
Wenn es an der Zeit ist, werde ich dir, Mensch, ein Zeugnis ausstellen. Ich werde darüber in mich gehen und dich, Mensch, aus meinem Blickwinkel beurteilen. Es soll dir am Ende aller Tage einen Blick zurück ermöglichen, der dem einen oder anderen weh tun wird, ihn verletzen, oder ihn entsetzen.

Da Anfang und Ende im Ganzen, wie in der kleinsten Zelle festgelegt waren, ergab es sich fast von selbst, dass du das wurdest, was du heute bist. In dir jeweils einen Teil deiner Entwicklung tragend, wie ein unsichtbares Korsett. Bei allen Vorgängen blieb ich dein stiller Beobachter, wurde überrascht, bestätigt, oder euphorisch, wenn ich sah, wie sich alles entfaltete.

Es mag dieselbe Sonne aufgehen für jeden, derselbe Mond um die Erde kreisen, und doch ist alles nicht dasselbe. Für eine Ameise gleicht ein Kornfeld einem Universum, für eine Erntemaschine ist es eine Ackerfläche. Während Nacht und Kälte herrscht auf der einen Hälfte der Erde, gewährt das Licht auf der anderen einen Sommer.

Es ist das Schaukeln und Kreisen in totaler Finsternis eines luftleeren Raumes, in dem Stille herrscht. Auf meinem Planeten, den du dir zu eigen gemacht hast, obwohl er dir nicht gehört, nicht vor dir noch nach dir. Du bist dabei, alle Kraft für Zerstörung aufzubringen, die in deinen Möglichkeiten liegt. Immer weniger wiegen die Gegenkräfte, und der Tag der Zeugnisvergabe scheint nicht mehr fern. Es müsste ganz von vorn beginnen, um alles Erreichte wieder erblühen zu lassen. Mit einem großen Unterschied: Ein paar Wenige müssten lernfähig sein.

Wann dieser Tag gekommen ist, liegt ganz bei dir, Mensch. Bewahre dich selbst.
Typ
Weisheit
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein