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Titel
Das Osterfeuer
Der Text
Noch ist es nicht soweit, obwohl kurz nach den Feiertagen erste Hasen in den Geschäften auftauchten. Ich darf einmal zurück schauen auf das traditionelle Abbrennen eines riesigen Haufens oben auf dem Berg. Fast jedes Dorf war stolz auf sein Osterfeuer, und jedes wollte das größte abfackeln, und jedes Jahr wurden die Dinger größer.

In enger Zusammenarbeit mit dem Förster, der sich über uns Jungs als Aufräumkommando freute, wurden wir in den Wald geschickt, um totes Holz heran zu schaffen. Zuvor wurde ein Gerüst gebaut, das einen Meter hoch war. Darauf stapelten wir dann das Brennmaterial. Es bestand teils aus den uns zugewiesenen Tannen, aus Gesträuch, aber durchaus auch aus ?verbotenem Material!. So musste ein ganzer Jägerstuhl dran glauben, und die Traktorreifen von Bauer Schweinebarth fanden endlich ihre letzte Ruhe.....Damals wurde Umwelt noch anders wahrgenommen.

Damit nicht Kinder aus den Nachbardörfern schon vor dem Ereignis zündelten, gab es die unter uns beliebten Nachtwachen. Wir schliefen in Strohballen unter dem Haufen. Das waren die kürzesten Nächte des Lebens, denn jeder hatte etwas zu erzählen. Der Duft von frischem Tannengrün, von Harz, vom vorjährigem Sommerstroh, und der Schluck aus der Sinalcoflasche war einzig. Am ersten Ostertag war es soweit. Am Nachmittag erschienen die ersten Dörfler mit Kisten voller Bier. An der Stelle aus der der Wind kam wurde Feuer gelegt. Es dunkelte dann bereits, und fetter Rauch quoll aus dem Koloss.

Funken stoben himmelwärts. Alle mussten sich entfernen, da die Hitze zu groß wurde. Als dann noch die Traktorreifen hoch gingen, erreichte der Jubel seinen Höhepunkt. In der Ferne konnten wir Lichterschein wahr nehmen. Die Konkurrenz. Vom armen Jägerstuhl blieb am Ende natürlich nichts übrig. Die Täter konnten nie ermittelt werden. Schleifspuren verloren sich in der Nähe des Feuers....Manchmal brannten die Feuer noch tagelang vor sich hin. Unsere Sehnsucht nach einem noch größeren Feuer im nächsten Jahr begann an diesem Tag, an dem es immer noch zu gefährlich war durch die Asche zu laufen. Versucht wurde es natürlich trotzdem. Man war ja jung und neugierig...
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja