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Titel
Das Ei
Der Text
Vielleicht war es ja doch da, statt der Henne zuvor, die es legte? Hat sich entwickelt aus der Brut des Fisches, der an Land ging und es eroberte....bis heute.

Das Ei der Neuzeit, welches auf unseren Frühstückstischen landet, ist klassifiziert. Bodenhaltung, Freiland, Bio und Legebatterie. Es steht außer Frage, dass der gewaltige Bedarf an Gelb Weiß nicht von Kammträgern gedeckt werden kann, die tagsüber auf einer Miste nach Würmern kratzen, und ab und an innehalten, um dem Hahn zu gestatten, selbiger im Korbe zu sein.

Die Ärmsten der Armen stehen massenhaft auf Metallgittern, die das Dünne durchlassen, das Runde auffangen und das Fressbare auf Laufbändern anbieten. Ihre Lebenszeit ist begrenzt, das der überflüssig geworden Männerwelt gleich zu Beginn zu Ende. Da kräht kein Hahn nach, sagt der Volksmund, dem das Ei am Morgen schmeckt.

Die Masse der Hühner träumt nicht mal von ausgedehnten Staubbädern, da sie nie welche kennengelernt hat. Nur wenn es mal ein Bio Ei gibt, erscheint die Illusion beim Verzehrer, dass da doch so etwas wie Natur im Spiel gewesen sein muss, denn es schmeckt einfach besser. Das Ei ist einfach dotteriger, und schmeckt nicht nach Fischmehl.

Ganz innen im Huhn ist der Wunsch nach einer Kinderschar, die man begluckt, verteidigt und aufzieht. Ganz tief im Innern des Menschen ist der Wunsch, möglichst viel Ei auf wenig Fläche unsentimental herzustellen, um effizient Kasse zu machen. Nein, diese Rasse wird sich der Mensch nicht auch noch selbst ausradieren. Dazu liebt er sein Frühstücksei viel zu sehr. Hart, weich oder als Rühr. Er wird alles daransetzen noch größere Ställe zu bauen und endlich das Superhuhn züchten, das pausenlos Eier legt. Selbst im Schlaf.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch