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Titel
Choclate please
Der Text
Choclate please

Meine ersten englischen Laute vernahm ich während eines Gesprächs. Beteiligte waren ein paar Bauern aus dem Dorf und ein Panzerkommandant der englischen Division, die im Herbst ihre Manöver in unserer Gegend abhielt. Wenn die Felder abgeerntet waren, alles unter Dach und Fach, bis auf ein paar Zuckerrüben, schoben sich eigentümliche Gefährte über die Hügel des Weserberglands. Sie hatten ein Rohr vorne raus und Ketten statt Rädern. Und sie hielten sich nicht an Strassen oder Regeln. Genau wie ich. Sie hinterließen nach ihren Schießübungen im Feld gewaltige Spuren! Manchmal standen sie im Herbstnebel plötzlich da auf meinem Schulweg, der über einen Hügel ins Dorf verlief.

Irgendwer sagte mir, dass sie auf Englisch reagieren würden. Einer Sprache, die ich weder verstand noch sprach. Ich bräuchte nur "Choclate please" zu rufen, und schon würde ein Riegel aus der Luke fliegen....Ausprobiert jeden September. Erfolgreich selbstverständlich.

Warum, fragten sich die Bauern Willem Vespermann und Jupp Schweinebart, warum geben sie den Kindern und uns nichts? Es muss ja nicht Schokolade sein. Geld würde uns schon reichen. Immerhin geben wir ja unsere Scholle her, auf der sie den Sieg auskosten über Deutschland. Sie zerfurchen unsere Äcker! Das muss doch einen Ausgleich geben!

Da weder Willem Verspermann noch Jupp Schweinebart jemals einen Englisch Kurs absolviert hatten, versuchten sie es mit Hand und Fuß, und mit einer Art Englisch, von der sie annahmen, dass der Kommandant es verstehen würde. Das Anliegen war kompliziert. Es galt, einen der Panzer dorthin zu dirigieren, wo purer Friede seit 45 ausgebrochen war. Der karge Acker fühlte sich jahrelang nicht zuständig reiche Ernte zu liefern. Hier und dort ein Halm, sonst Saudiestel und Brennessel.

Eine Panzerspur aber war Gold wert. Je tiefer desto besser. Hernach würde ein Antrag auf Landschaftsbeschädigung gestellt, mit dem Schwerpunkt auf Ackervernichtung durch den Engländer, den bösen. Geld floss dann durch einen Fond. Es gab richtige Kriegsfolgengewinner. Je erfolgreicher der Landmann dem Engländer klar machen konnte, wo das Manöver stattfinden sollte, desto ertragreicher die zermalmte Diestelweide. Hauptgewinner war einmal Bauer Knopke, der es schaffte, die Blauen gegen die Roten gemeinsam auf seinem Gelände den Sieg ausfechten zu lassen.

Er stellte sich in meinem Beisein vor den riesigen Tank und sprach in etwa:

"Come to here, my land is your land. You can fuhrwerk durch all my Rüben and fresh Roggensaat next field. Come and make victory!"

Von mir noch ein Choclate please! hinterher, und das Land war nicht wieder zu erkennen. Furchtbar, was Panzerketten nach 2 Wochen Regen mit einem Lehmacker so machen können...
Der sachbearbeitende Beamte schüttelte den Kopf über die Verwüstungen und den Geldsack über Knopke aus.

Ein Jahr geht schnell vorüber. Es war eine gewisse Freude in der Luft, aus einer deutlichen Niederlage doch noch als heimlicher Sieger hervor zu gehen. Aus Minus Plus zu machen und eine enge Freundschaft mit den Engländern zu entwickeln, deren Deutsch so miserabel war wie eh und jeh.
Typ
Weisheit
Autor
Burkhard Jysch