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Titel
Blockflötentöne
Der Text
Die Schule hat durchaus die Aufgabe den jungen noch ungefeilten Menschen Grundrechnungsarten beizubringen, im Lesen und Schreiben so zu befähigen, dass er es selbst erkennen kann, und der Lehrer ihm dafür Lob oder Tadel aussprechen darf. Wer aber ist auf die Idee gekommen eine durchlöcherte Holzröhre zu entwickeln, die die Lust auf Schule mehrt, die große Welt der Musik öffnet, anstatt dass einem die Tür zugeschlagen wird sobald die Übung beginnt?

Wahre Meister bringen es fertig mehr Löcher zuzudrücken als besetzte Stühle im Saal zu hinterlassen, Menschen, die nach einer Stunde Ohrensausen um Zugaben rufen. Auch ich, als noch ungeschliffener Rohdiamant, brachte auf Weisung eine so genannte Blockflöte zu erstaunlichen Temperamentsausbrüchen. Schnell fand ich heraus, dass man mit mehr Luft vorne herein nicht das beste Ergebnis erzielen konnte, auch nicht wenn alle Löcher zugedrückt waren. Ich übte also mich von einigen Löchern fernzuhalten, die Luft in diverse Richtungen umzuleiten, dass so etwas wie ein Wohlklang entstand.

Dass es mir heute mal wieder nicht gelingen würde merkte ich am Cocker unserer Familie, der schon beim Griff in den Tornister sich unter die Eckbank zurück zog. Bald hatte ich heraus, ein Tütata täuschend echt zu erzeugen, sowie eine Nachahmung von "Alle Vögel sind schon da" anzustimmen. Zur Weihnachtszeit glänzte unser Musiklehrer mit einer 25 köpfigen Schar von Jungflötenspielern, die allesamt festliche Stimmung zu erzeugen hatten. Wenn auch nur einer der 25 Solisten einen falschen Ton heraus ließ, erkannte unser Lehrer den Täter sofort, während sich die Zuhörer Tränen der Rührung verdrückten.

Natürlich sollte ich zum Heiligen Abend vor der versammelten Mannschaft vorspielen, was mich sehr beunruhigte, weil alle auf einmal still sein würden. Doch es kam anders. Wer einmal Keuchhusten gehabt hat weiß wovon ich rede. Diese Kinderkrankheit ersparte mir die Szene und den anderen Tränen der Rührung. Es ging auch ohne, und ich durfte sogar die Kerzen am Baum auspusten. Irgendwie das Gute bei dieser nervigen Sache.

Vielleicht ist Blockflöte heutzutage out und Handy an. Auf dem kann man alles zum Klingen bringen.
Typ
lustig
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein