Text 100/628

Titel
Churchill
Der Text
In jungen Jahren wird er ein Patsch gewesen sein. Manche sagen vielleicht ein Tollpatsch. In seiner Erscheinung vereinten sich eine Boxerhündin und etwas, das nicht nur ihren Weg kreuzte an jenem verhängnisvollen Abend, als Frauchen ausnahmsweise "Leinen Los!" rief. Sie wähnte nicht jenen Rüden, der tagelang bereits quer vor der häuslichen Eingangstür lag, um ihren Duft zu schnüffeln, der noch um sechs Hausecken wehte. Der Duft Marke "Oh, wann kommst du?" Statt aber nur mal eben das Bein an der Laterne zu heben, lief er die sechs Ecken weit, und hörte längst nicht mehr das befehlende Pfeifen, das ihm regelmäßig ein Stück Fleisch einbrachte. Dry aged.

Mit einer gehörigen Verspätung kehrte der Freigänger heim. Reuig, aber glücklich. An jenem Abend gab es kein Leckerli, dafür Vorwürfe seines Frauchens. Der ahnungslose kommende Vater gab sich schuldlos. Die Dame seines Herzens schlief die Nacht durch, und träumte ahnungsvoll von etwas Zahlreichem, das sich an ihrer Bauchseite zu schaffen machte.

Der Wurf gelang. Alle gesund, keiner wusste Bescheid vom Sechseckenvater. Da aber allesamt ein herzzerreißendes Bild abgaben, kamen sie in gute Hände.

Ende der fiktiven Vergangenheitsvorstellung.

Heute, nach all den Jahren, schritt Churchill durch die Beinwälder zahlreicher Besucher, die sich vor dem Dom, und speziell vor der Eisdiele mit Stadtbrunnen in Xanten tummelten. Ich sah seine tief hängenden Lefzen und suchte unter der Faltenstirn nach seinen Augen, die irgendwo dazwischen sein mussten. Er ging langsam, sehr langsam, wurde mehr gezogen, als dass er selbst etwas dazu beitrug seiner Besitzerin zu folgen. Ja, er verschmähte sogar ein fallen gelassenes Eis in der Waffel, das ein Kind zu einem gellenden Konzert veranlasste.

Seine ergraute Eminenz hob das Bein gerade so weit, dass es weder das Kalte, noch die Waffel berührte, sog hörbar Schoko Vanille ein, und folgte unter einen Tisch gleich neben meinem. Sein Stummelschwanz versuchte zu wedeln, was ihm aber nicht gelingen wollte. Damit verjagt man keine Fliege, man macht sich nur lächerlich. Ein paar anwesende Hunde hoben bei seiner Erscheinung die Schnauze in seine Richtung und stellten fest, dass es sich nicht lohnte zu knurren, oder laut zu protestieren.

"Wie heißt er denn?"

Churchills Frauchen: "Churchill"

"War das nicht der rauchende englische Kamin aus dem zweiten Weltkrieg?"

"Und wie alt?"

"Anfang der Zweitausender"

Umgerechnet war das da mit den Hängebacken ebenso alt wie ich.

Ein Hundeleben hatten wir beide nicht. Er sah nicht so aus, als wäre er bei den Weight Watchers unter Vertrag, und ich sowieso nicht. Ich beobachtete ihn noch eine Weile, wie er sogar einer Fliege gestattete, auf seiner Nase nach Feuchtigkeit zu rüsseln. Als ich mein Weizenbier bis auf den letzten Rest geleert hatte, kam sie an mein Glas, um zu probieren. Wenn das man gut geht... Haben Fliegen eigentlich Leber?

Da ich früher ging als er, ist mir verborgen geblieben wie er langsam auf die Beine kam, seinen Körper überredete diesen Tag doch bitte zu überstehen, und keine Fragen nach seinem Alter zuzulassen. Erwähnte ich, dass wir etwa gleich alt waren?
Typ
lustig
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein