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Titel
Brückennächte
Der Text
Man musste schon einen guten Platz haben, einen, der die Nacht überlebbar machte, um einem neuen entgegen zu treten. So entleert er auch sein mochte, es gab immer etwas zu leiden, zu verschmerzen, zu erdulden solange man lebte. Am besten unter einer Brücke, unter die niemand schaute außer ein paar Ratten, die ihr Revier absuchten nach Fressbarem. Sie war nicht einsehbar von oben, wo das Leben lief. Selbst die Geräusche kamen hier unten nur gedämpft an. Dafür war die Strömung des Flusses nah und machte sich durch ein immerfort währendes Ziehen bemerkbar, kurz oberhalb der Wahrnehmungsgrenze. Von hier kam auch die feuchtkalte Luft, die den Sandstein der großen Bögen schwärzte, eine Luft, in der Salz lag, das fraß und Schimmelpilzen gute Lebensbedingungen schaffte. Sie nährten sich von Vergänglichem, das einmal mit großem Tam Tam eingeweiht wurde, was die große Brücke anbelangte.

Ein Band wurde gespannt, eine Blaskapelle wartete auf ihren Einsatz, und repräsentative Gesichter drängten in die Objektive. Eine Schere zerschnitt das Band, und die Flut quoll offiziell das erste Mal von Ufer zu Ufer. Auch er war dabei damals in seinem anderen Leben. In kurzen Hosen. Es gab sogar ein Bild in Schwarz Weiß. Er war einer der Ersten, die hinüber sprangen und den anderen entgegenlief.
Über jeden Fluss gab es Brücken. Etwas Verbindendes, Zusammenführendes, wie man meinte. Das Trennende besorgte der Fluss, wenn sich einmal wieder einer hineinstürzte.

In Nächten wie dieser, in der das Thermometer mehr und mehr fiel, war ein Platz unter dem Schimmel ein guter Platz. Der Wind stand günstig und schaffte es kaum um die großen Postamente herum zu fingern, um nach ihm zu suchen. Nachdem er den groben Unrat zur Seite geräumt hatte, blieben ihm zwei Meter Schottersteine, die angefroren dalagen, als sollten sie so gegen Diebstahl gesichert werden. Wenn man ihn jetzt sähe, gäbe er ein Bild ab, das der Maler mit Unbarmherzigkeit überschreiben würde oder einfach mit Würde.
Hier war nicht mehr viel, was man verlieren konnte. Der kümmerliche Docht seiner Lebenskerze, die einmal so hell brannte, wurde nicht mehr von Wachs genährt, sondern von Resten Paraffins, das aus den noch verbleibenden Tagen seines Lebens an ihn heran gedrückt wurde. Das warf Schatten, die durch traumbedingte ruckhafte Bewegungen während seines Schlafes mit den Quadern der Brücke verschmolzen. Sie krallten sich in die morschen Fugen und hangelten sich nach oben, wo die Wiese blühte, und sich ein nicht vorhandener Himmel erstreckte, der berührbar schien.

Wer hier her kam, den hatte das Leben von der Brücke gestoßen. Es hatte den Fluss knapp verfehlt und erlaubte sich am Rand weiter zu atmen. Tags sah er durch seine zusammengekniffenen Augen leer geschenkte Gesichter, verkabelte Kinder, die sich akustisch abgemeldet hatten, um auf einem anderen Sender die Geräusche zu verdrängen, die an sie heran getragen wurden. Er sah die Umtauschwilligen nach dem großen Fest und wurde sich seiner Freiheit bewusst, nicht Danke sagen zu müssen. Manchmal schämten sich die Gesichter für ihn und dachten an die Touristen, denen er ein schlechtes Bild "ihrer Stadt" abgab. Wie weit war er von ihnen entfernt, wenn er unter der Brücke darüber nachdachte.

Hier spürte er die reale Kälte des Winters, die sein immer noch warmes Herz nicht zerstören konnte. Oben schob und drängte es und hielt die Gutscheine hin, auf denen eine Zahl gekratzt stand. Ein Wert. "Gutscheine", sagte er einmal laut, was für ein deutungsfähiges Wort! Und während er sich das Papier mehrerer Zeitungen zurechtlegte dachte er an die, denen nicht bewusst war wie leicht es sich über eine Brücke gehen ließ um an das Ziel zu kommen auf der anderen Seite, wie schwer die Steine aber waren, die ihm den Wind fernhielten. Das Unsichtbare beschäftigte sie nicht, das Sichtbare verdrängten sie gekonnt, und helfen konnte man sowieso nicht mehr.

Morgen würde er auf die andere Seite gehen. Es sollte dort eine Stelle geben, die durch Rohrleitungen etwas Wärme abgab. Er bekam den Tipp durch ein Tuch vor einem Gesicht, dem er eine gefundene Zigarette anbot. Man verstand sich unterhalb der Lebenslinie, eines Äquators einer voll gefressenen Welt, die sich am Überfluss übergab, und es dem Strom überließ, sie zum Meer zu tragen.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch