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Titel
Bummeline
Der Text
Jede größere Stadt, die auf sich hält, hat eine Pferderennbahn. Dieses große Oval zieht an Renntagen die Massen in ihren Bann. Frauen dürfen dort ihre neuen Hüte tragen unter denen sie verschwinden, um von Männern gesucht zu werden. Es ist die Atmosphäre, in der es nach Ammoniak und Geld riecht, nach Sieg und Niederlage und Betrug.

Zu meinem ersten Renntag musste ich überredet werden. Er fand im Bremer Hochsommer in der Vahr statt, einem Stadtteil, in dem man die Plattenbauten wie die im Osten hochgezogen hatte statt breit, mit denselben Effekten. Von den Balkons konnte man in günstiger Lage auf das Oval sehen, zu dem ich mit Freunden unterwegs war. Die Luft war schwül, die Protagonisten unruhig. Vor den Wettschaltern drängten sich die Wetter und tauschten ihr Geld in Papierschnipsel um in der Hoffnung, es nach dem Rennen wieder in Geld umzutauschen, wenn ihre Prophezeiung eintrat.

Ich hielt mich im Zaum und wollte erst einmal nur zuschauen. Im Führring konnte man fast hautnah die großen Tiere betrachten, die von auffällig kleinen Menschen im Kreis vorbei ziehend gezeigt wurden. Kenner entdeckten ihren Favoriten, studierten Listen, Quoten, sahen auf die Fesseln und Spuren von Schweiß…Wer reich werden wollte, setzte auf den Gegenzug, den Geisterfahrer, das lahmende Elend, das kurz vor der Verwurstung stand und doch gewann.

Bei den ersten beiden Rennen tat ich so, als hätte ich mein Eigenheim auf einen der Hafervergaser gesetzt, und brüllte eine Rachenmandel in eine Hutkrempe. Insgeheim freute ich mich über meinen Gewinn, der aus keinerlei Verlust bestand. Doch wie im richtigen Leben geht der Fuchs erst richtig ab, wenn man ihm Geld an den Schwanz bindet. Ein paar meiner Scheine brannten bereits in der Satteltasche, als ich Sie sah. Es schien, als hätte ihr letztes Glöcklein geschlagen. Ihr Blick sagte mir, dass sie diesem Leben ein Ende bereiten wollte, indem sie möglichst schnell hier siegte. Dass sie jetzt schon schweißgebadet und nur durch das Vorzeigen einer Möhre von der Stelle zu bewegen war schockierte mich nicht. Als sie dann noch bei einem Hustenanfall Teile der Möhre den staunenden Betrachtern in ihre Gesichter blies, stand für mich fest: Sie ist es!

Anhand ihrer Nummer stellte ich fest, dass sie genauso viele Wettkämpfe im Leben gewonnen hatte wie ich, der Möhren hasste. Die Quote war so hoch wie die Gewitterwolken über dem Platz und meine Hoffnung auf sofortigen Reichtum. Ich rannte zum Schalter, drückte dem Kassierer meine 5 Mark in die Hand und raunte ihm zu:
"Bummeline auf 1!"

Er nahm das Geld wie ein Geschenk. Auf dem Weg zu den Zuschauerplätzen sah ich ihr nach wie sie ihrer Startbox entgegen widerstebte. Der Ansager erklärte eine kleine Startverzögerung, da Bummeline ihre Box für eine Schlachtbank hielt, und keinesfalls gewillt war hinein zu treten. Inzwischen überlegte ich, wie ich den Gewinn anlegen könnte. Für sie würde es einen Sack Möhren geben, für den Jockey einen neuen Strampler.

Endlich der Start!

Türen rissen auf, und Lützows verwegene Jagd staubte die Boxen zu. Es war der Moment, als Bummeline sich erkundigte, wann es denn losgeht. Man weiß zwar nicht, was er ihr gesagt hat, doch kamen Beide aus der Startbox wie ein altes Pärchen auf einem Sonntagsspaziergang. Ich brüllte wie verrückt, um sie anzutreiben, die anderen neben mir aus anderen Gründen.

Meine 5 Mark kamen quer übers Grün, kümmerten sich weder ums Ziel, noch um Hindernisse und schon gar nicht um mich, der vorwurfsvoll und heiser die Demütigung über sich ergehen ließ. Fortan setzte ich nur noch Geld auf etwas Blondes im Glas mit einer Schaumkrone. Das kam jedenfalls an.
Typ
lustig
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja