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Titel
Bio Bio
Der Text
Sah man aus dem Wohnzimmerfenster, erblickte das Auge eine grün bräunliche Fläche, aus der ab und an ein Grashalm daran erinnerte, was es sein sollte: Ein Rasen! Es musste etwas geschehen. Irgendetwas. Begrenzt wurde das Elend durch mehrere Tannen, die schon mehrere Weihnachten gesehen hatten und darüber Nadeln verloren.

Eines Morgens, ich kam gerade mit frischen Brötchen ums Haus, setzte mich an den Tisch und bestrich eines mit Waldhonig, kam mir die Idee. Ich hatte schon öfters solche Momente. Wenn mir etwas auffiel, oder wenn ich an etwas vorbei fuhr, und aus dem Augenwinkel sah, bremste ich abrupt, kehrte um, und kaufte zum Beispiel einen Gebrauchtwagen, der da stand. Jetzt war es wieder soweit. Mit noch klebrigen Händen sprang ich auf, lief zum Schuppen und ergriff eine Spitzhacke und einen Spaten. Wenn mir in diesem Moment jemand begegnet wäre, er hätte sich, ohne Fragen zu stellen zurück gezogen....

Irgendwo lag noch eine verrostete Eisenstange, die ich im Gras wieder fand, und inmitten des Grauens entschlossen einrammte. Sie markierte die Stelle, um die herum ein Biotop entstehen sollte, auf dem der längst ausgestorbene Waldfrosch oder die Schmucklibelle wieder zu Leben erwachen würden. Während ich die Spitzhacke ins Erdreich trieb, uferte meine Fantasie geradezu aus. Vom Rosteisen ausgehend, strahlenförmig, spazierten unbekannte Tiere zu ihrem neuen Gral. Wissenschaftler kamen nach Anmeldung und machten Nachtaufnahmen vom Fensterbrett aus. Eine Rubrik in der Zeitschrift "Nature" würde der Erschaffer selbst schreiben.

In diese Gedanken drängelten sich alte Spritzen, Glasfragmente eines Saufgelages, ein exhumierter Hundeschädel und ein Kabelstrang, dessen Leben ich mit einem gezielten Spatenschlag beendete. Ich grub sogar noch Richtung Straße weiter, um das Ende einer fetten Wurzel zu verfolgen, die sich in einem entfernten Bahngleis zu verstecken suchte. Meine Schachtarbeit war in der aufmerksamen Nachbarschaft nicht unbemerkt geblieben. Es gab Fragen und Bemerkungen. Eine Frage lautete: "Ob ich seine Katze gesehen hätte, die seit ein paar Tagen verschwunden war?" Eine Bemerkung: "Das letzte Mal, dass ich so ein Loch gesehen habe war damals 44, als eine Luftmine am Stadtrand runter kam...."

Mein Geheimnis verriet ich nicht zu früh. Ich grub bis in den späten Nachmittag und setzte erst ab, als es dunkelte. Die erste Tannenreihe klammerte sich soeben noch an Restwurzeln, ich an ein Taschentuch, mit dem ich meine Brandblasen an der Hand tupfte. Die Eisenstange ließ ich stehen. Das Bild ergab also etwas, das für die aufmerksame Nachbarschaft zum Nachdenken anregte.

Am Folgetag erschien der Fünftonner mit dem Füllsand, mit dem ich die Teichgrube auskleiden wollte, damit nicht ein spitzer Stein die hauchdünne Folie durchdringen konnte. Gardinen wurden zur Seite geschoben.... Nur eine Stunde später im Angebot als Reststück die Folie. Wir kamen als mächtige Rolle, die ich von der vorderen Stoßstange bis zur hinteren wie eine Wurst übers Dach beförderte, an der ich vorbei schaute, um die Vorfahrtsregeln zu befolgen. Unter Mithilfe meines Lieblingsnachbarn, den ich in meine Pläne einweihte, bugsierten wir das Gummi in Position. Da lag sie, wie ausgewalztes Lakritz und wartete auf Regen. Keinesfalls hatte ich vor, sie mit Leitungswasser zu fluten. Bio Bio eben.

Statt Regen setzte sich die Wochen bis zum ersten Schauer schon zur Probe ein Frosch aufs heiße Plastik, und schaute wie ich nach oben. Ein verheißungsvoller Auftakt zu einer neuen Welt. Spontan bestellte ich mir die Zeitschrift "Frosch und Heim" für 12 Euro fünfzig im Monat. Ich wusste was er denkt, und Mücken braucht. Genau wie ich.
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja