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Titel
Berlin hin und weg
Der Text
Eine Städtetour hat immer etwas Unvollständiges. Niemals sieht der Besucher alles, wohl aber kann er sich entscheiden. Das ist angesichts der Größe dieser Stadt allerdings schwierig. Also filtern wir beim Kurzbesuch über vier Tage aus. Heraus kommt ein Konzentrat aus Sehenswürdigkeit, Geschichtsträchtigem, aus Einkaufstempel und Speiserestaurant. Dazwischen liegen die vielen Wege mit U-Bahn, S-Bahn, Metro und Bus, und mit dem Schiff.

Berlin wird mit der DB angefahren. ICE heißt früh raus, und schnell da sein. Zeit läuft. Es werden alle Anschlüsse erreicht! So schallt es bei den seltenen Stationen. Unter der riesigen Glaskuppel des HBF krabbeln die Ameisen auf verschiedenen Ebenen, die sämtlich einsehbar sind. Prima Ausschilderung verkürzt Wege. Der Koffer für vier Tage wiegt soviel wie für vier Wochen. Nicht überall rollt eine Rolltreppe.... Das Hotel ist schnell gefunden. Der Stadtteil liegt im früheren Osten. Wenn man so will oben rechts. Von der Metro bis zum Eingang sind das etwa vier Armlängen nach der Kofferschlepperei.

Bei Kaiserwetter, nicht nur am ersten Tag, macht Berlin Spaß. Aus den Augenwinkeln sehe ich bereits die Veränderungen zum letzten Besuch vor Jahren. Am ersten Anlaufpunkt Alexanderplatz herrscht rege Bautätigkeit. Überhaupt prägen Kräne und Gerüste die Szene. Für die Füße die erste Probe: Zum Brandenburger Tor. Fotos im Sonnenuntergang. Das Kanzleramt vor untergehender Sonne. Symbolik bei einer Regierungserklärung zur Lage in der Ukraine, die einen Tag später stattfinden soll?

Am Tag 2 treffen wir Freunde aus dem Griechenlandurlaub. Sie wohnen in Berlin, zeigen uns Orte, die wir nicht gesehen hätten und bringen uns zu Kanopke, dem historischen Wurstbudenbesitzer unter einer S-Bahn Überführung. Bei einem Bummel durch Friedrichshain, sowie Prenzlauerberg erleben wir eine Stadt im Vorfrühling. Die Häuser sind leer, die Straßencafes voll besetzt. Der Besuch des Reichstages scheitert an der späten Anmeldung, die nötig ist. Fazit: Wir kommen wieder!

Am Ende steht noch der Fernsehturm zur Aussicht auf die Stadt im Abendlicht an. Auf der Aussichtsplattform wird ihre Größe sichtbar. Ein Lichtermeer, das sich mit dem Horizont trifft, als ginge es um eine abendliche Verabredung. Aufregend, erwartungfroh. Bei der Fahrt nach unten müssen wir natürlich warten. Neben mir werde ich unfreiwillig Ohrenzeuge eine Telefonats, das eine Jugendliche laut genug für Alle mit einem Teilnehmer führt: Zitat:

...Waren heute in einem KZ. Ja, in einem KZ. Hat mich echt nicht erreicht...Die ganze Sache berührt mich überhaupt nicht...Das wäre was für dich gewesen, du könntest dich da bestimmt besser hinein steigern...Ja, ich habe da überhaupt keinen Bezug zu...

Anmerkung:

Beim Besuch des Holocaustdenkmals, (der vermutlich bezeichnete Ort des KZ), fallen mir mehrere Jugendliche auf, die die Stehlen als Foto geeignetes Terrain betrachteten. Nicht weit unter ihnen ist der Raum der Geschichte, in dem Familienschicksale in Bild und Briefen dargestellt werden. Aus ihnen sprach die unsägliche Angst vor der eigenen Vernichtung, die so oft Wirklichkeit wurde.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch