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Titel
Bahncard
Der Text
Bahncard

Sie ist klein und grauhaarig. Sitzt im ICE neben mir. Hat Bahncard und wird von mir auf Mitte Siebzig geschätzt. Wanderin, Klobenschuhe, kommt aus den Alpen und ist auf dem Weg nach Bonn, ihrer Heimatstadt. Österreicherin und Deutsche, wie sie betont. "Am Abend habe ich noch eine Verabredung", sagt sie, "auch wenn ich kaputt bin." Ihr Koffer ist sehr schwer und groß, hat keine Rollen. Ein Koffer von früher, wie sie selbst. Als ein Blindenhund an ihr vorbei läuft, wird sie hektisch. Sie hat eine Hundehaarallergie. Die Zeitung, die sie ohne Brille liest, ist Tage alt. Sie liest jeden Satz. Es gibt Platz für jeden Satz und Zeit genug.

"Ich bin müde", sage ich, und lege meinen Kopf an die Lehne, höre sie lesen. Das Vorbeirauschen der Böschungsbepflanzung, die Einschnitte und Lichtblicke auf wolkenreichen Himmel ermüden. Es entsteht kein Bild, wie bei einem Diavortrag. Diavorträge machen müde. Werde wach von ihrem Butterbrotpapiergeraschel. Dazu zischt es aus einer zerbeulten Thermosflasche. Rot weiß gebröselte Farben auf Alu. Wahrscheinlich Kräutertee.

"Sie schreiben nicht mehr richtiges Deutsch", sagt sie. "Und ohne Punkt und Komma. "Sehen Sie", sie liest mir einen Satz vor und spuckt ihn aus, weil ein Komma fehlt. Damals ist ihr häufigstes Wort. Nicht besser, aber korrekter. Unsere Gespräche taumeln sich zueinander wie zwei Unbekannte, die der gleichen Meinung sind vom Jetzt. "Fast alle starren auf ihr Handy", sagt sie, "und keiner sieht aus dem Fenster". "Sie haben Windows", sage ich. Dann beginnt sie von Früher zu reden: "Als ich anfing, auf so einem Ding zu schreiben, habe ich die Taste gedrückt, um eine neue Zeile zu erreichen. Es war die Entertaste, konnte neu beginnen. Langsam komme ich damit klar. Habe keinen Fernseher, dafür zwei Zeitungen und den Gesangverein, bei dem ich heute Abend noch singen werde. Ich mag sie, die deutsche Sprache, weil sie so viel hat, und Bücher, die ich in der Hand halten kann, und ihren Geruch. Geruch kann man nicht darstellen".

Wir müssen umsteigen. Zufällig haben wir das selbe Abteil. Sie fragt nach meinem Sitzplatz. Enttäuscht fast sitzen wir weit entfernt. "Das wäre ja was gewesen", sagt sie. Ich hätte rüber gehen können zu ihr. Es hätte Platz neben ihr gegeben. Einmal läuft sie an mir vorbei. "Wenn Sie aussteigen in Bonn nehme ich Ihren schweren Koffer und stelle ihn auf den Bahnsteig". Ein Lächeln mit Mitte Siebzig, das mich mittig erreicht.

Als sie aussteigt, ist der Zug leer. Bis auf mich, der weiter muss ohne Thermoskanne und alter Zeitung, und Hundehaarallergie neben mir. Als wenn mir plötzlich etwas fehlte.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch