Der Text
Erkenntnisse aus der Kreidezeit
Glaubt ja nicht, dass die nachfolgenden Zeilen eine neue Theorie offenbaren. Es bleibt bei den Thesen, die eine handvoll Erklärungen geben und den zweifelnden wie verzweifelnden Forscher zurück lassen wie mich an der großen Tafel damals.
Schulzeit, Zeit der Entbehrungen, Erniedrigungen und Erkenntnisse aus Beidem. Mit einem Kreidestück sollte ich auf einem kleinen Hocker stehend, (der liebe Gott hatte meine Wachstumsdaten mit denen einer Schildkröte vertauscht), die Frage nach dem Aussterben der Saurier mittels eines Dreisatzes lösen. Mir, dem es schon schwer fiel auch nur einen Satz zu lösen! Meine Hände waren so verschwitzt, dass die Lösung erst nach einer Zeit sichtbar wurde, indem die nasse Kreide nach und nach etwas trocknete. Die Frage damals lautete in etwa:
Wenn es vor 60 Millionen Jahren 1 Million Saurier als Fleischfresser gab, ½ Million als Pflanzenfresser und einen Wildhüter mit seiner Frau, welche Spezies würde es bis zum Jahre 2000 nach Christus schaffen zu überleben bei einem Blatt/Fleischverbrauch von x y z?(Galle, Galle, Galle)
Schreibe an die Tafel den Lösungsweg und erkläre ihn für alle verständlich.
Damals trug ich eine Latzhose aus gebrunftetem Hirschleder, wobei der Hautspender auf einer Plakette in der Mitte auf einem Querträger abgebildet war, und dies über meinem rasch schlagenden Herzen. Dazu trug ich einen roten Kopf vor Aufregung. Ich begann in einer Art mit der Darstellung der Lösung, die noch heute eine ernste Herausforderung an jeden Lehrkörper stellen würde.
Anstatt mit dem Wildhüterpaar zu beginnen, hob ich das Stück Kreide und malte den ersten Fleisch fressenden Saurier in die obere Ecke der Tafel. Noch unsichtbar malte ich gleich den zweiten daneben, wobei der erste langsam sichtbar wurde und erstes Gemurmel durch den Raum ging. Als erkennbar wurde, dass ich einen langen Lösungsweg anstrebte, befand ich mich in der Mitte der Tafel. Zu diesem Zeitpunkt brachte ich es auf 12 Männchen mit furchtbaren Zähnen und ebenso vielen Weibchen mit schönen Zähnen und einem kürzeren Schwanz, so dass noch pro Reihe ein Männchen dazu kommen konnte. In einer Klassenraumecke gewahrte ich die Gestalt meines Lehrers, mit jetzt ebenfalls gerötetem Kopf. In diesem konnte er sich ausrechnen, dass die Lösung bei der Fortführung meiner Illustration etwa dieselbe Zeit in Anspruch nehmen würde wie der Zeitraum nach dem Aussterben der Echsen bis heute.
Ein fürchterlicher Schlag in dem Moment, als das letzte feuchte Weibchen Mitte rechts erschien. Hauptlehrer Müller hatte eine herab gefallene Gardinenstange gepackt, mit der er auf den Tisch eines fehlenden Schülers drosch und das Gemurmel sofort beendete. Ob ich ihn verkackeiern wolle, welche Zensur ich denn wohl erwarten könne kurz vor den Zeugnissen? In seiner festen Stimme die ganze Bedrohung, zu der Lehrer fähig sind seit ihrer Geburt. Mir war absolut klar, dass die Kreidevorräte nicht nur im Klassenzimmer sondern weltweit nicht ausreichen würden, um die Lösung sichtbar zu machen, selbst wenn es nur Weibchen wären, die ja einen kurzen Schwanz trugen und weniger Kreide fraßen als die Bullen.
Ich sollte mit einem traurig gewordenen Hirschen auf der Brust vom Hocker steigen und mich beim Rektor melden. Das Zimmer lag schlauerweise am Ende des Flures, so dass sich jeder Delinquent bis dorthin eine ausreichend plausible Erklärung für seine Verfehlung einfallen lassen konnte. Ich sah noch wie Müller mit einer ärgerlichen Bewegung meine Weibchen und deren Partner mittels Schwamm vom Schiefer holte. Dasselbe Gestein, das ihre Gebeine über die Jahrtausende festhielt wie Müller an seiner Entscheidung, mir eine 5 in Mathe zu geben. Bei Ausgrabungsarbeiten sollte ich das Dokument später auf dem Speicher des Hauses meiner Eltern wieder finden und mit einem Schmunzeln daran denken lassen. Das Gespräch im Rektorzimmer ist mir deshalb entfallen, weil er Recht hatte. Es ist mir alles entfallen, wenn jemand außer mir Recht hatte.
Inzwischen hatte sich das Wildhüterpaar in meinem kleinen roten Kopf sehr gut verstanden, hinter einer Yukapalme vergnügt, und die Saurier hatten sich beleidigt aus dem Staub gemacht. Wer paart sich schon gern im Dauerdunkel, (nach dem Einschlag eines Meteors), ohne seine Alte auch nur einmal zu Gesicht zu bekommen? Wer kann so viele Zähne beim Küssen vertragen, wer solche Krallen? Es ist kein Wunder, dass diese Sorte keine Chance hatte.
Der Mensch hat alle Chancen. Kam er aus der Kälte der Eiszeit mit blau gefrorenen Fingern heraus, überlebte er in der Kalahari, wie ohne Sauerstoff auf dem Everest. Schon strebt er zum Mars, will von der Venus nicht lassen und versucht es eines Tages sogar auf der Sonne zu landen, obwohl es sehr heiß sein soll. Könnte aber kein Problem sein, wenn er nur bei Nacht fliegt......