Text 607/668

Titel
Wahrnehmungen
Der Text
Auf Parkplätzen und anderen sonst ungenutzten Flächen haben sie einen kleinen Wald aus Weihnachtsbäumen aufgebaut. Der Wurzeln schon beraubt stehen sie geordnet nach Größe und Art wie Soldaten, die auf ihren Einsatzbefehl warten. Keiner von ihnen weiß wohin, doch allen schwant das ungewisse Schicksal von dem getuschelt wird, denn zurück gekommen ist bisher ja keiner in den Wald. Ein paar glückversprechende Stunden in warmen Zimmern, follower, die sie mit Augen sehen. Mit denen vom letzten Jahr und denen davor, weil alles immer so war. Der Mensch hängt an Ritualen, an bestimmten Tagen im Kalender am Duft, und an der wiederkehrenden Frage Kunstbaum oder echt? Der große Unterschied ist laut einer Passantin in einer Fußgängerzone der Duft. "Er mag ja künstlich noch so fein entworfen sein, aber ich bleibe bei meiner Nordmanntanne, die einen typischen Weihnachtsduft verströmt."

Ich gehe dem Thema nach und überlege, ob ich jemals eine Normanntanne gerochen habe? "Beim Absägen kann man das Harz riechen", sagt ein Verkäufer in die Kamera. Und dann? Wer macht das, wenn der Baum im Ständer sein kurzes Dasein fristet? Also doch Kunstnadeln? Ich komme zu dem Schluss, dass der Mensch glaubt etwas zu riechen, glaubt dass etwas so sein muss, weil es immer so war, und dass Weihnacht immer so bleibt wie sie gewesen ist. Der Nordmann wird geliebt, weil er so schöne Nadeln hat, die Blätter heißen, und unterwärts helle Streifen haben. Ich beschließe ich selbst zu bleiben, statt Nordmann zu werden. Etwas Nadeln am Haupt stört mich nicht, und auch nicht der Fuß, der platt getretene durch die vielen Stufen des Lebens. Und wenn noch einer nach einem Geschenk für mich sucht: Es darf ein neuer Duft sein!
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein