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Titel
Wartezimmer
Der Text
"Sie hätten sich ruhig mal melden sollen", sagte einst eine kurz vor der Pensionierung stehende Helferin im weißen Kittel der Unschuld. Man hatte mich mal wieder vergessen. Es lohnt sich also nach gewisser Zeit Nachfrage zu halten, ob der Herr Doktor schon auf dem Golfplatz ist oder im Urlaub. Ich sitze also, nachdem ich bei der telefonischen Anmeldung vor einem halben Jahr einen Facharzttermin für HNO bekommen habe. Hereinspaziert mit den Akteuren. Bereits anwesend sitzen schon Patienten mit Gesichtern, die man am Montag früh in einer der öffentlichen Fahrgeräte sieht. Blass, ermüdet quält sich die Gemeinde zu einem erwiderten Gruß meines guten Morgens. Wer nicht grüßt, wird von mir mit einem Blick bestraft, der unterhalb der Höflichkeit liegt.

Immerhin unmaskiert lese ich in den Gesichtern und errate die Ursache ihrer Leiden. Die nächste Patientin nach mir outet sich schon an der Rezeption durch die geschlossene Tür. "Ihre Kassenkarte Frau Querschläger!" "Was soll ich haben?" "Ihre Karte zum Einlesen bitte!" Frau Q wird langsam böse und antwortet so laut, dass die Bauarbeiter nebenan kurz die Schaufel zur Seite legen: "Wie viele Karten muss man denn noch haben heute, früher ging man hin und wurde geholfen!" Nach der gütlichen Einigung am Tresen der Hoffnung betritt die Schallmauer das Zimmer und setzt sich ausgerechnet neben mich.
Mir gegenüber eine junge Mutter mit Kind, das mit der Auswahl der Kinderspielzeuge unzufrieden ist. Was fehlt ist die Playstation 5, ein ordentliches Netz und eine Mutter, die einen in Ruhe lässt. Im stark eingeschränkten Vergnügungssortiment ein Drahtgestell, auf dem Kugeln ins Rollen gebracht werden sollen. Dabei möglichst nicht außerhalb des Gestells, nachdem man es auseinander genommen hat. Ich schnickse eine Rote in Richtung eines Halstuchs, aus dem zwei Augen den Lauf beobachten. Das Kind hört sich eine Ermahnung der Mutter an, als wäre es nicht seine sondern eine der Tanten, die hier scheinbar unnütz herum sitzen. Vom freien Stuhl vor dem Fenster aus könnte man prima auf die Straße zwei Stockwerk tiefer schauen denkt es sich, und beginnt seinen Plan umzusetzen. Ich frage mich mit wem ich hier tauschen möchte. Meine Blagen sind aus dem gröbsten raus seit Jahren, und steigen nicht mehr auf Stühle.

"Haben Sie es auch mit den Ohren?" Frau Q brüllt mich an. Ich gebe ihr Zeichen, dass es bei mir am Hals liegt, bei dem ich das Gefühl habe, dass mir die Mandeln wieder nachgewachsen sind. Ab und zu krächzt ein Lautsprecher durch die Abdeckung der Deckenlampe, ein Zeichen, dass es weiter geht irgendwo neben den zwei netten Helferinnen, die am Abend nach der Schicht fast taub nach Hause taumeln.

Endlich wird auch mein Name leicht verfälscht ausgerufen. Der Herr Doktor empfängt mich mit einem kräftigen Händedruck, der mir fast den Mittelhandknochen bricht. Er schaut sich meinen Hals von Innen an und stellt die Diagnose "Seitenstrang Angina." Daheim angekommen will man auch wissen, was der Arzt gesagt hat. Mit dem Rezept in der Hand sage ich: "Seidenschwanz Angina", und löse damit einen Blick ins Handy aus. Der Seidenschwanz: Steckbrief: Größe 19-23 cm, Gewicht 34-85 g, Lebensraum: feuchte Fichtentaiga!

Das Internet weiß also auch nicht jede vernünftige Antwort auf eine gestellte Frage. Immerhin kann die Apothekerin mit der Medizin etwas anfangen. Ich soll das Zeug auflösen und gurgeln. Möglichst morgens und abends, damit es dem Seidenschwanz besser geht.
Typ
lustig
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein