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Titel
Yorkshire Moors
Der Text
Ich hörte den Wind, der nur darauf wartete, bis ich aus meinem Wagen ausstieg und mir Tränen in die Augen trieb. Nach einer längeren und kurvenreichen Tour durch die Moors Nordostenglands gefahren konnte ich nicht anders als auszusteigen aus der räumlich begrenzten Komfortzone des geheizten Wagens, und stellte mich nach dem anstrengenden Aufdrücken der Wagentür gleich daneben. Ich stellte mir augenblicklich den Eindruck vor, den Außerirdische wohl haben würden, wenn ihr Landegebiet eben hier lag. Ein enttäuschendes Nichts aus weiteren Enttäuschungen in der weiten Ferne hinter dem Horizont. Dieser lag so fern, dass die Farben verschwammen wie auf einem Pastellfarben Gemälde, über das aus Versehen ein Eimer Wasser geschüttet wurde.

In den Ohren war nur das Pfeifen des Windes zu hören, der über die Heidekraut und Gras bewachsenen Hügelkuppen tanzte und vergeblich nach einem Partner suchte. Unterwegs stellten sich ab und an Schafe auf der Straße auf, und kamen nicht einmal auf die Idee dem Gefährt auszuweichen, das sich da näherte. Ich versuchte dann auf Englisch mit ihnen Kontakt aufzunehmen, und musste aber schnell feststellen, dass sie weder mich noch mein Englisch verstanden. Selbstverständlich versah ich jeden Wunsch mit einem typisch englischen "Please". Irgendwie schienen sie als Wollknäuel im Abseits gelagerte Ware jegliches Denkvermögen verloren zu haben, keine Vorfahrtregeln zu kennen, und schon gar keinen Respekt vor Autos zu haben.

Von der nicht weit entfernten Steilküste wehte ein Wind von See her, der unangenehm an der Nase biss wie ein frecher Köter. Dass er nach Salz schmecken würde entsprang eher den Reiseführern, die eine typische Beschreibung einmal mehr übertrieben, Ich drehte mich im Kreis herum und betrachtete die durch den Wind zu gedrückte Wagentür und setzte auf die Beifahrerseite, um hier wieder weg zu kommen. Vielleicht war es das, was manche überrascht, wenn man eigentlich gar nichts sehen kann von einer menschlichen Bebauung, von Baum oder Strauch, von einem entgegen kommenden Gefährt innerhalb von stundenlanger Fahrt. Und vielleicht hatte es etwas vom Ende der Welt, als der Mensch sie noch nicht entdeckt hatte, weil es ihn noch nicht gab. Etwas vor der Geburt, etwas von Anfang.
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Eines Tages würde ich im Frühling wiederkommen, wenn der Stechginster im satten Gelb das Lila des Krauts farblich bereicherte und aus dem Nichts ein Etwas machte, an das man sich immer erinnern würde. An jene Landschaft im Nordosten Englands, in der es das Nichts schaffte erinnerungswürdig erwachsen zu werden, und sogar Liebe zur Natur auferstehen ließ von den gesteinigt toten Vorgärten und Bauten unserer Zeit.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein