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Titel
Über die besitzergreifende Lust seinen Liegestuhl zu sichern
Der Text
Eine starke Mordlust überfiel mich, als ich aus dem Fenster mit seitlichem Meerblick schaute, und eine etwas größere Anzahl bereits mit Handtüchern belegter Liegestühle erblickte. Ich hatte große Lust die Täter zu ermitteln. Sofort, hier noch am Tisch des großen Frühstückraumes, wo jeder infrage kam, der besonders unschuldig aussah. Da wir selbst schon recht früh auf den Beinen waren, was an der morgendlichen Müllabfuhr lag, mussten die Platzbeleger noch früher an ihr schändliches Werk gegangen sein. Schilder, die darauf hinwiesen, dass es nicht gern gesehen würde, wenn man Handtücher als Reservierung auslegte, wurden als Fremdsprache erkannt, die keiner verstand.

Schon nach der ersten Nacht entschloss ich mich statt der Ermordung zu einem Trick. Ich würde mich selbst mit zwei Handtüchern auf den Weg machen, um zu zeigen, dass wir auch Handtücher haben. Gleiches Recht für alle! Schon vor der Müllabfuhr hatte ich mir den Wecker gestellt, um zum Fahrstuhl zu gehen, nach Unten zu fahren, am Pförtner vorbei mit meiner übergroßen Reisetasche, (in der zwei Handtücher waren), um dann auf eine Reihe unbesetzter Liegen zu schauen, quasi Liegen der ersten Wahl.

In Stock 8 stand ich also mit der Tasche und wartete auf den Fahrstuhl, der sich hörbar näherte. Ich stieg ein und drückte die Null, was Pool bedeutete, Ausgang und Rezeption. Im Stock 7 stiegen zwei weitere Gestalten ein, deren Augen halb zu geschwollen waren, und die mir von der Bar gestern noch bekannt vorkamen. Ganz unten angekommen war der Fahrstuhl voll mit Handtuchträgern, die mehr oder weniger schamlos ihre Absichten nicht verbergen konnten. Das schlimmste aber war die Erkenntnis, dass ich selbst einer war. Immerhin ging ich als Letzter am Pförtner vorbei mit einem "Bon Dias", was soviel heißen sollte wie: "Ich bon mal für einen Tag die Liegestühle."

Manchmal, so mussten wir erleben, kam es fast zu handfesten Auseinandersetzungen, die mit dem Satz begannen: "Wir haben aber schon die ganze Zeit hier gelegen" oder "irgendwann am Nachmittag fahren wir sowieso in die Stadt..." Meist waren es Männer, die in den frühen Kampf geschickt wurden, während sich ihre Frauen die Nägel lackierten. Aber es gab auch Frauen, die so lange hin und her überlegten, welcher Stuhl zu welchem Sonnenstand im Schatten liegen würde, bis sie zu spät kamen, oder die Sonne schon wieder unter ging.

Heute bin ich über alles erhaben. Ich gewöhnte mir an die Poolwelt anders zu sehen. Ich achte nicht mehr auf die belegten Liegen, komme ohne Wecker aus, und bekomme meist doch den Stuhl, den ich will. Manchmal reicht die Bemerkung: "Oh, sie haben aber Mut, hier waren wir gestern und sind vor den kleinen Ameisen geflüchtet, sie beißen höllisch, meine Frau musste sogar zum Arzt."

Es geht nichts um eine frei werdende Liege gegen Mittag und erspart den Wecker.
Typ
lustig
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein