Der Text
Dieses ist ein Bericht über zwei Eistaucher, der in dem Bildband "Wasser" erschien.
"Wir waren zu Zweit. Meine Freundin und Tauchpartnerin hatte mich schon auf vielen Tauchgängen begleitet, wobei wir uns mittlerweile fast blind verstanden, wenn es um plötzlich aufkommende Gefahren ging oder andere Schwierigkeiten eintraten. An jenem Tag, der bereits langsam zu Ende ging, beschlossen wir noch einen letzten Tauchgang. Zum Einstieg unters Eis hackte ich ein großes Loch, dass wir mit den Tauchgeräten leicht benutzen konnten, um unter die Decke zu kommen, die sich weithin zog. Wie immer hatten wir zuvor alles durchgecheckt, was unsere Sicherheit betraf.
Es war immer wieder ein ganz besonderes Erlebnis unterm Eis zu tauchen. Ein stets anderes Bild jener bedeckten Welt, die den Reiz ausmachte sie zu erforschen, ein Neuland. Um die Orientierung nicht zu verlieren, tauchten wir nach Kompass und Zeit. Zeit, die bestimmt wurde von der Füllung unserer Sauerstoffflaschen, die nach Berechnung noch etwa dreißig Minuten ausreichen musste. Ich machte das Zeichen zur Umkehr zu unserem Einstiegsloch, was von ihr durch Daumen nach oben bestätigt wurde.
Bis zur völligen Entleerung unserer Flaschen hatten wir noch zehn Minuten Zeit. Zehn Minuten, um das Loch wieder zu finden, um aus ihm mit dem letzten Licht der Sonne diesen wundervollen Tag zu beschließen. Ich stellte fest, dass es doch nicht so leicht war es wieder zu finden, und suchte nach einem helleren Lichtfleck über uns, der sich durch das aufgehackte Eis zwangsläufig ergeben musste. Die Zeit verstrich etwas mehr als gedacht, bis wir die Stelle über uns wieder fanden. Zu unserem Entsetzen offenbarte sich eine mittlerweile solide zugefrorene Stelle, die inzwischen ohne Hilfsmittel nicht aufzuschlagen war.
Durch die Taucherbrille konnte ich den angstvollen Blick meiner Partnerin erkennen. Nachdem mir klar wurde, dass ich selbst mit dem Messer keine Öffnung erreichen konnte, sah ich auf meine Taucheruhr... Für uns lief die Zeit davon. Ich schnallte meine Sauerstoffflasche ab, und begann mit der beschwerlichen Arbeit damit die Eisdecke zu brechen. Auch dieses kostete zusätzlichen Sauerstoff. Schließlich blieben nur noch wenige Minuten als sich eine Stelle durchbrechen ließ, die ich gerade noch so erweitern konnte, um auszusteigen.
Wie knapp es tatsächlich war, merkte ich kurz zuvor noch unter Wasser, als mir der Sauerstoff ausging. Ich hielt so gut es ging die Luft an und zwängte mich nach oben, wo meine Partnerin auf mich wartete, die ich zuerst aussteigen ließ. Hinter ihr ging die Abendsonne auf der Eisfläche unter, und ich muss sagen, dass der erste tiefe Atemzug der beste meines Lebens war."
Nacherzählt aus dem Bildband "Wasser"