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Titel
Zahn um Zahn
Der Text
Meinen ersten Zahn verlor ich an einem Donnerstag. An das genaue Datum kann ich mich zwar nicht erinnern, jedoch an die Jahreszeit. Warum es einen Zahn mit der Bezeichnung Milchzahn gibt zeigt nur, dass er gar nicht zum Beißen gedacht ist. Schüchtern bilden sich anfangs jene kleinen Racker, die beim Durchbruch heftigstes Geschrei auslösen. Einer dieser Zähne war es später, der an jenem Donnerstag bereits im Stadium war, wo der geübte Statiker bereits Bedenken zur weiteren Verwertbarkeit äußern würde. Mit der Zunge schob ich ihn vor und zurück, so dass er bald nicht mehr wusste wohin er noch sollte. Auch andere begannen mit der Wackelei.

Die Gelegenheit ergab sich an jenem Morgen im August, als ich mich einem der reich tragenden Apfelbäume in Opas Garten näherte, um auf den Zehen stehend an einen goldhellen Apfel zu gelangen, den ich mit einem Ruck abriss. Ich drehte ihn in meinen Händen, um nach Wurmlöchern Ausschau zu halten, oder anderen Geschmacksstörern. Und eben, als die Kontrolle beendet, sich nichts als glatte glänzende Oberfläche bot, eben nun spürte ich etwas Fremdes im Mund. Mein Wackler war dem Zungenspiel nicht mehr gewachsen, und verabschiedete sich aus der Knabberleiste nach Vorn.

Leicht blutend legte ich den Apfel zur Seite und besah ihn mir genauer. Klein war er, untauglich auch nur noch eine Stunde länger da zu bleiben, wo er hin gehörte. Ich steckte ihn in die Tasche meiner Lederhose, um ihn herum zu zeigen. Jetzt war der Apfel dran. Durch sein kühles Fleisch genau das Richtige, um die Schmerzen etwas zu lindern.

Der Klarapfel, oder Augustapfel ist an sich friedlich. Nicht zu sauer, wenn er reif ist jedoch fest, wenn er noch nicht so reif ist. So einen hatte ich wohl erwischt. Ich biss herzhaft hinein und merkte sofort, dass er wohl noch nicht so reif ist... Meine Zähne standen nun vor der fast unlösbaren Aufgabe ein Stück heraus zu holen das hätte kleiner sein müssen. Der Apfel steckte fest! So konnte ich unmöglich vor meiner sicherlich entsetzten Mutter stehen. Also riss ich ihn mit Gewalt auseinander. Jetzt tat aber auch alles weh. Mit einigermaßen Entsetzen blieben im Apfel noch zwei Zähne stecken, jetzt welche von Oben. Ein reines Schlachtfest mit Gewinnern und Verlierern, zu denen ich mich zählte.

Sofort musste ich es erzählen. Musste der Mama den Lederhosenzahn zeigen und den Klarapfel mit Milchzähnen. Auf dem Weg zu ihr fühlte ich jene Lücken im Mund, die ein neues Zeitalter einläuteten. Ich würde in Zukunft so ziemlich alles essen.

Bis auf Äpfel natürlich.
Typ
lustig
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein