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Titel
Zeitenwende
Der Text
Je älter ich wurde, desto mehr schätzte ich die Luft zum Atmen. Riss die Fenster auf, wo immer es nötig war, und ging hinaus, wann immer es möglich war. Das längst verloren geglaubte Gefühl eines taufeuchten Rasens unter nackter Fußsohle, der wechselnde Duft direkt am Hafen, wenn ganz nah ein Schiff vorbei fuhr, und ich meinte, das Parfüm einer der Damen an Bord wahrzunehmen...Ich rief es herbei, und es kam.

Oder den Sturm, der eine viel zu große Lieferung aus Westen in mein faltiges Gesicht blies, mich umzuwehen drohte, und ich mich dagegen stemmte, als könnte ich mir noch etwas beweisen. Um mich sah ich verschwommen den immer enger gezogenen Kreis, der von mir nicht mehr überschritten werden konnte. In dem ich mich gefälligst aufzuhalten habe.

Damals im Krankenhaus neben mir ein Bedauernswerter, der mich immer bat das Fenster zu öffnen, wenn die Schwester es geschlossen hatte, der mich nach einer Flasche Bier fragte, sein Leben hastig erzählte in den zwei fiebrig vorbei fliegenden Tagen unseres Zusammenseins, und ich nicht mal zu meinem kam, es zu berichten. Damals begannen die Kastanien zu blühen. Und ein Baum schaffte es, eine der Blüten zu ihm auf das Bett zu wehen.

"In Bio, sagte er, und drehte das verlorene Weiß in den Fingern, da haben wir über Kastanien schreiben müssen, und heute will ich sie nicht los lassen...."

Die ganze Luft roch nach Frühling und Desinfektion. Er kreuzte die gewünschte Speise für den nächsten Tag an, und glaubte nur halb daran. Und als er still war, begann ich leis meine Geschichte zu erzählen. Die vom Hafen, vom Gras und den Wiesen, Glühwürmchenhochzeit am Hang Ende Juli, und vom Geräusch fallender Blätter.

Aber da hörte er schon nicht mehr zu, und ließ sich die Blüte aus der kälter werdenden Hand nehmen, die zum Fenster geöffnet …...
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch