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Titel
Zuckerkuchen und Lindes
Der Text
Wer mit beidem etwas anfangen kann, ist schon ein paar Tage auf der Welt. Erinnert sich an den Streifen frischen Kuchen, der zusammen mit zwei Kannen Coffein freien Kaffee in einem Weidenkorb am Anfang des großen Feldes abgestellt war, und auf die zahlreichen Helfer auf dem abschüssigen Feld blickte. Sie waren dabei, Rüben aus der Erde zu ziehen, sie in Reih und Glied zu legen, damit sie mit einem scharfen Messer am langen Stiel vom Grün getrennt werden konnten. Rüben wurden immer als letztes vom Feld geerntet. Manchmal gab es schon etwas Nachtfrost. Die Arbeit selbst war hart durch häufiges Bücken, und wenn dann endlich die Pause kam, wurde Kurs auf den Korb genommen, wie es die Motten tun, wenn das Licht angeht.

Der geschlürfte heiße Kaffee schmeckte nach ausgewrungenem Spültuch, was der Kuchen aber wieder wett machte. Es war die Stunde der Gemeinschaft, die zusammen hielt. Die Helfer aus der Familie, dem Dorf, die lautlose Verbindung, auf die Verlass war. Es war die Zeit, in der es Gemeinsamkeit gab. Die einzelnen Felder waren zahlreich und relativ klein. Jeder baute das an, was er benötigte, um Schwein, Kuh oder Kalb zu sättigen. Kamen manchmal Jungs in meinem Alter zur Pension des Opas, konnte ich ihnen den Stall zeigen, wo im Winter jene Rüben verfüttert wurden, die wir so mühsam aus dem Lehmboden gezogen hatten. Sie staunten eine ganze Weile über alles, was im Stall stattfand, und nahmen es ganz bestimmt mit heim in die Stadt, in der sie zu Hause waren. Ich durfte da bleiben, in der Stallwärme, in deren so eigenen Geruch nach Haut, Fell und Leben. Und ja, ich schaue heute auf den lärmenden Riesenkasten auf großen Gummirädern, der uns alle abgelöst hat, der innerhalb eines Tages ganze Felder abernten kann und somit Zeit spart, die uns damals so viel wert war, dass man es nicht mit den Anschaffungskosten der neuen Landmaschine aufwiegen kann.

Vielleicht war es auch der Lehm zwischen den Fingern, der sich mit Zucker und Butter und Kuchen verband, der uns nicht schadete in einer Zeit, als noch keine Spritzmittel gegen irgend etwas eingesetzt wurden, und die Luft am Abend noch unschuldig.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein