Text 612/628

Titel
Wo die Zeit zu Staub zerfällt
Der Text
Diesen Raum betrat niemand. Man eroberte ihn. Zu ihm gelangte Jeder über eine steile Holztreppe mit wackeligem Geländer, das zu prüfen schien ob derjenige, der nach "oben" stieg überhaupt berechtigt war einen Raum zu betreten, der aus Stillstand war. Die Treppe knarrte bei jeder Stufe anders. Eine schrecklich schöne Tonleiter aus festsitzenden Nägeln, die nach Noten spielten.

Am Fuß der Treppe befand man sich im Kuhstall, in dem außerdem zwei Schweineboxen eingerichtet waren. Es roch nach feuchtem Stroh, nach Schrot, Rübenschnitzeln, ab und an nach cremeweißer Milch, nach grobem Steinboden, der stumpf glänzend den Boden breitete, nach einer Karre frischem Gras aus dem Brennnesseln hingen, nach Schweiß und Tier.

Je höher man die Treppe erkletterte, desto mehr veränderte sich diese Duftmelange und wandelte sich schließlich an den oberen Stufen in eine deutlich wärmere Komposition, die bereits eine leise Ahnung davon gab, was einen erwartete, schob man die Luke hoch und befestigte sie an der Wand rechts.

Kaum war sie geöffnet, fiel Licht durch den Schacht, als hätte es schon länger auf diesen Moment gewartet. Es war Licht, das gelernt hatte zu warten. Es beschenkte die Treppe mit ein paar Strahlen, die für Momente auf etwas fielen, was im Nichts zu verschwinden schien. Durch die Bodenklappe endete sie stumpf an der Decke, und führte nur in Gedanken weiter in den darüber liegenden Raum.

Steckte man seinen Kopf über den Rand des Loches zum Boden, war man zweigeteilt. Während die Augen, Nase und Ohren sich schon im Tunell befanden, war der Rest des Körpers noch von Stufen gehalten. Die Sinne aber waren ein ganzes Stück weiter und neugierig damit beschäftigt etwas Neues, Altes zu ergründen, das im Halbdunkel lag.

Sollte es Mäuse hier oben geben, oh ja es gab sie, wurden sie gewarnt durch die Holzstufen nach oben. Fast immer folgte mir die Katze und war die erste, die vorbei huschte, um nach dem Rechten zu sehen. Es gab Tage, da begrüßte sie mich bereits vom Heuboden und schnurrte sich noch verschlafen an mein Gesicht. Sie passte hervorragend in diesen Raum mit dem diffusen Licht unter einem gewaltigen Dach, dessen Ausmaße von Innen betrachtet regelmäßig größer erschienen, als wenn man davor stand. Es war für mich ein gedecktes Zelt von Ziegeln aus rot gewellt gebranntem Ton, der weithin leuchtete ins Tal, an dessen Ende von einem kleinen Dorf weiteres Rot aufstieg und den tiefen Himmel berührte. Zwischen den Ziegeln war eben so viel Platz, dass die Strahlen der Sonne sich hindurchzwängen konnten und kleine Straßen bauten, die nach Innen führten und Lineal gezogen langsam durch den Raum wanderten.

Das Dach schützte wie eine harte Hand alles, was unter ihm war. Es wurde im Sturm geschüttelt, gab aber nicht einen Ziegel her, der sich an anderen festklammerte. Durch die Jahre verformt, hielt es dennoch den Ansturm der Zeit aus, die hier lebte als eine eigene, selbständige, unberührbare Masse, die ich förmlich spürte.

An windstillen Tagen lauschte und glaubte ich den Gesprächen, die von alten Besen erzählt wurden, denen das Heu geduldig zuhörte, glaubte an märchenhaften Staub, der aus Silber war, wenn er schwerelos auf den Dachboden sank. Dieser Raum hatte sein Geheimnis, seit es ihn gab, und mit ihm wurde er groß. Er versteckte es unter dem hoch geschichteten Heu, das zweimal im Jahr vom großen Leiterwagen durch die Außenluke herein geschleudert wurde.

Es waren die Tage, an denen das ganze Haus nach Sommer roch und Ferien, und Zeit kostete nichts, die gab es dazu. Hätte mich jemand nach der Zeit gefragt, dann hätte ich ihm den Geburtsort gezeigt hier zwischen dem Gerümpel, und hätte es ihm verraten wie das Nest einer Katze, in dem sich etwas bewegt. Zeit hätte sich wiegen lassen können auf einer Waage mit schweren Gewichten und kleinen, leichten. Die Ketten hätten sich gebogen unter der Wahrheit und nach ihrem Gleichgewicht gesucht, während ich auf der Fläche stehend leichter wurde mit jeder Sekunde. Sie hätte sich binden lassen können in Jutesäcke, die sich dem Herbst entgegenstapelten, auf die Kartoffeln wartend.

Hier war der Ort, sie zu verlieren. Das Kostbarste daran der Luxus, der in ihrer vordergründigen Verschwendung lag, sich eine Stunde oder ewig hier aufzuhalten, nur um das Licht durch die Ritzen einzuatmen. Ein Licht, das von Außen kam und nach Innen führte zu mir selbst. Es kam aus einer Wirklichwelt, waldgrün rauschend und sah sich unvermittelt inmitten dieses unwahrscheinlichen Raumes, in dem es seinen Takt verlieren sollte.

Wie dachte ich damals darüber? Dachte ich bereits oder war alles gefühlter Tag, gespielte Zeit? Das Bewusstsein sich eben an solchen Orten zu befinden kommt später, wenn die Erinnerungen an sie durch etwas geweckt werden, das Verlust heißt. Es ist die Unwiederbringlichkeit, das einmalige Verrieseln, das im Moment so gut schmeckt und süß ist, und man denkt, dass es nicht gehen darf.

Es liegt an jedem selbst traurig darüber zu sein und nie mehr auf der Treppe stehen zu können als halbes Wesen, das einen Raum erforscht, der ein Geheimnis hat, was das Ganze erklärt.

Manche sagen dazu Glück.

An Tagen mit Sturm änderte sich der Raum. Es heulte um die Ziegel klagend wie ein vernachlässigter Hund ohne Heimat. Es zog ein wolkengrauer Nachmittag durch das ganze Haus, ohne es zu bemerken. Das Heu trocknete seinen letzten Traum und spürte bereits die Kuh, die es selbst so nah über sich wahrnahm.

Alle Sinneseindrücke einzeln betrachtet ergäben ein Buch. Zusammen eine Wand voller Bücher, die sich wie die Ziegel gegenseitig festhielten, um nicht schwindelig zu werden bei der Vorstellung des Endlosen oder des Absturzes.

Wie sollte ich die vielen Farben beschreiben, die ich im Staub sah, wie von seinen so verschiedenen Düften berichten, in dem schon das Gewitter lag mit seiner Feuchte aus Ozon und kindlicher Angst. Staub ebenso wie Zeit bestehen aus einer Kostbarkeit, die den Luxus in sich tragen, liegen bleiben zu dürfen anstatt gejagt zu werden, um unsere hochglänzenden Wohnzimmer vorzeigen zu können, in denen wir vergeudete Mühe stolz präsentieren. Hier war einmal Staub! Hier war einmal Zeit! Im Glanz der Schufterei putzt der Saubere die Buchrücken, in denen sich Buchstaben, Worte und Erfahrungen befinden, die er niemals erfährt, wenn er nicht liest. Von außen sind sie sauber, und manche bestehen nur aus Rücken wie wir selbst.

Erst wenn wir umfallen merken wir, dass wir zu schnell waren, dass die Treppe fehlte ins Nichts des Verborgenen, dass wir nicht neugierig nach dem ?Anderen? waren, um es zu erfahren und als Glück zu spüren.

Ich war nicht allein damals. Die Umgebung nicht nur unter den Ziegeln, das Aufwachsen in einer großen Familie, die sich untereinander zu helfen wusste auch nach einem Streit, sich auf Weihnachten freute, die keinen Superstar außer vielleicht dem Opa hatte, dem das Leben so viele Geschichten in die Hand schrieb, dass sie mit zwei Händen nicht zu fassen waren. Der aus zwei Kriegen kam in die er geschickt wurde, um etwas zu verteidigen, was man Freiheit nannte und tötete.

Müde kamen wir mit Rückenschmerzen vom Feld, auf dem die Reihen der Rüben wieder zu sehen waren, nachdem wir das Unkraut vertrieben. Rüben, die als Letzte vom Acker durften in ihrem Gold und Rot, damit es nicht der Frost noch holte, der andere Farben bevorzugt.

Es war ein Flecken Erde an einem Berg an einem Wald, den ich einmal als "Indianerwald" beschrieb. An seinem Rand war ich das Korn, das doch vom Wind getrieben wurde, das sich vor Angst gebogen, wenn schwere Gewitter die ganze Nacht hindurch den Ausweg suchten. Dann zog ich mich zurück zu Ma und Pa und zählte, bis der Donner den orangefarbenen Feuern des Himmels folgte und das Feld erschütterte, die Kühe auf den Weiden zusammenpresste, von meinem Mitleid beschützt. Vom Wald, der den Hang bis zum "Fast" bedeckte und den Donner als fremde Stimmen von Besuchern zurückwarf, die ungebeten waren.

Als es dann weiter zog irgendwann, war der Himmel manchmal schwefelgelb, wie von einer brennenden Stadt im indirekten Licht. Einer Stadt, die von einem Heuboden nichts wusste, und nichts von der Unvergänglichkeit des Staubes und der Zeit, die noch im Fallen schien, wenn ich die Luke öffnete und meine Kinderaugen Großes sahen.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch