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Titel
Wo fängt Schottland an?
Der Text
Dort, wo es keine Bäume mehr gibt jedenfalls nicht. Schon lange vorher wagen sie sich nicht aus dem Boden. Geschrumpfte Vegetation zeigt sich im Norden Englands in den Dales und Hills und Moores bereits. Und wenn du dann übergehst ins Land der Schotten, suchst du vergeblich nach den typischen Dingen aus der Werbung, nach Dudelsackpfeifen am Straßenrand, die lauter sind als der pfeifende Wind, der dich nicht mehr verlässt.

In Serpentinen erklimmt dein Gefährt aufstrebende kahle Hügel und Berge, führt dich zu Einschnitten, von wo aus es wieder abwärts geht, nachdem du kurz anhalten musstest, weil du nicht glaubst, was du siehst. Vor dir breitet sich eine Landschaft aus, die sich einer ausgedacht hat, um zur Befreiung aufzurufen von den Alltäglichkeiten und davon, dass es einen Bauplan gibt, eine Besiedlung, einen Ort, ein Parkverbot oder eine Öffnungszeit.

Wie Sie sehen, sehen Sie Nichts, könnte man sagen. Und atemlos steht der Sehgeschädigte Mitteleuropäer davor und fängt an zu suchen. Da muss doch etwas sein? Ein Punkt, an dem man sich festhalten kann, ein Ortsschild, dessen Ausgang, sein Zentrum, eine Kirche vielleicht...Aber das Nichts bleibt. Stattdessen schleppen tief hängende Wolken Farbbänder hinter sich her aus Goldgrün, Grüngelb, Grüngold, und manchmal suchst du danach, wie die Farbe wohl heißen mag, die du niemals zuvor sahst. Es ist plötzlich doch etwas.

Auf der Fahrtroute steht ein Ort, dessen Name gerade einmal reicht, um ihn nicht aussprechen zu können. An einem der wassergefüllten Einschnitte zwischen den hohen Bergen, die von oben gesehen wie Amulette in der Sonne glänzen, klebt eine Burg, ein Haufen Steine, die einmal aufgetürmt wurden, um ein menschliches Zeichen zu setzen. Durch dessen Fensterschlitze eben jener Blick auf die Ursprünglichkeit möglich wird, die das Land Schottland dem Fremden gewährt. Des nachts sehen die Herrschaftsschlösser aus wie kleine Kerzen gegen das Nichts.

Das Wasser der Berge ist weich und nicht mit dem zu vergleichen, was wir kennen. Der Torf über Jahrtausende im Vergessen gereift. Wer einmal auf den Gedanken kam alles zusammen zu einem Getränk zu führen, das Whisky heißt, wird namentlich irgendwo stehen, und doch ist es unerheblich. Das Getränk passt zu allem, was dieses Land der Schotten ausmacht, weil es ertastet werden muss durch die Zunge. Gastfreundschaft und Erleben des Nichts, von dem man so viel erfährt, dass man es wieder sehen möchte und zurückkehrt. Zu den Serpentinen, den kalten Wassern, den kleinen Orten mit whiskygroßen Namen, den daumenkleinen Schonsteinen der Destillerien und weitreichenden Familiengeschichten um dieses Getränk.

Hochprozentig ist es gerade nicht zum Betrinken geeignet, sondern eher etwas zu entdecken, das den Gaumen verbrennt und die Zunge, das sich im Körper nach unten wagt wie das Fahrzeug auf den Serpentinen. Am Grund ankommt auf der Suche nach sich selbst. Eine Versöhnung am Ende der Reise. Wer Schottland aber so richtig erkunden will, der muss gehen. Stück für Stück erwandern, um abends seine Knochen nicht mehr zu spüren, um sie wiederzubeleben mit dem Saft der unaussprechlichen Namen, und der Erkenntnis, dass man lebt und nicht gelebt wird.
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch