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Titel
Wein Feldmann
Der Text
Wein Feldmann

"Was? Ihr wart noch nicht beim Feldmann? Der liegt doch gleich mit seinem Laden um die Ecke. Ihr seid bestimmt daran vorbei gelaufen." Jetzt wurden wir erst aufmerksam. Wir, das war ein Lehrgang in München, alle zusammen gewürfelt aus der ganzen Republik. Abends hatten wir längst die Gegend nach Zapfhähnen und Weinkrügen erforscht, waren so manchem Licht einer Bierreklame nach gelaufen, aber am Feldmann einfach vorbei. Der Tipp kam von einem, der am Ammersee wohnte, und sich in München gut auskannte.

Feldmanns Weinladen lag tatsächlich nicht einmal 5 Minuten von unserem Wohnheim in Münchens Innenstadt entfernt in der Elvira Straße. Der Eingang war nicht breiter als eine normale Haustür, daneben ein Schaufenster. Eine ausgetretene Stufe führte ins Innere. Darüber ein Schild aus den Dreißiger Jahren, genauer seit 1931. Schon am nächsten Abend erforschten wir das Unbekannte. Auf geschätzten 30 Quadratmetern war links der kleine Tresen mit Schmalzbroten in der Vitrine, Laugenbrezeln, Gurken im runden Glas daneben, und gleich dahinter das Münchner Urgestein Feldmann. Ein kleiner runder Mann mit Schürze, mit roten Wangen und flinkem Blick. Einer, der ständig Weinflaschen entkorkte, Gläser füllte, während neben ihm seine Gehilfin Gläser spülte, so schnell sie konnte.

Feldmann hatte eine Verkaufslizenz ohne Sitzgelegenheit. Alles runde Stehtische, die Dielen ausgelatscht, an den Wänden ringsum grobe Weinregale mit großen und kleinen Schätzen vom Hang. Keine Musik. Der Geräuschpegel war auch so ordentlich. Ein Gewirr von Sprachen, nicht nur aus München. Das Außergewöhnliche daran war, dass sie aus allen sozialen Schichten stammten. Neben Reich stand Arm, neben der fein gekleideten Dame, die am Abend noch etwas vor hatte, der Straßenkehrer, neben blank geputzten Manschettenknöpfen grobe Hände, die wenig anderes als harte Arbeit gewohnt waren.

Wein Feldmann war zweifellos ein Geheimtipp damals, 1974. Eine geradezu zwanglose Institution, die die Gelegenheit bot, bei einer Brezel und einem Glas Wein Gedanken auszutauschen. Mein Favorit war die "Scheurebe", ein Weißwein mit Würde und Geschmack. An die Tische kamen jeweils die "Neuen". Mit dem Glas in der Hand und einem Hallo. Auf der Suche nach dem Grund der Beliebtheit dieses kleinen Treffs, favorisiere ich die fehlenden Tische. Tische können manchmal trennen. Runde Stehtische verbinden, führen zusammen, und bieten auf engem Raum Platz für Viele.

Es ist tatsächlich so, dass es ihn heute noch gibt, den Laden. Obwohl der Chef nicht mehr derselbe ist, die Idee hat überlebt. Mittlerweile kann man dort sogar leckere Kleinigkeiten speisen und zusammen kommen, wo doch sonst soviel auseinander driftet...
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja