Der Text
Ich lauschte dem Meer eine ganze Zeit lang. Wie es auf dem letzten Weg seine Emotion an den abfallenden Sand warf, der nichts tat als da zu sein mit seiner Wärme. Fast meinte ich eine gewisse Gnädigkeit gegenüber der Steilküste festzustellen, der nichts einfiel als schroffe Abweisung. An dieser Stelle aber brachen sich Wellen, deren Ausgangspunkt ich niemals erfahren würde. Ein Irgendwoher aus einem Irgendwann. Es war ein unrhythmisches Getöse, als gäbe es keinen Dirigenten dafür, als wären viel zu viele Faktoren zuständig, die ein solches sich überschlagendes Geräusch erzeugten, das in einer Minute oder weniger wechselte, als hätte es etwas zu verbergen.....
Meist nahm ich es einfach hin, weil es das Meer war, machte mir keine Gedanken woher und wann, nahm es als etwas Urlaub wahr, der endlich erreicht, geschmeckt, belauscht werden konnte. Heute war etwas anders. Es lag an dem Ort, nicht an der Zeit. Heute war hier, vier Jahre danach. An Steilküsten hatte ich oft die Wut gesehen, die gegen braungraue Felsen schlug, bis hoch hinauf aufs Land, hatte versucht zu verstehen. Eine Demütigung vielleicht, oder einfach nur Physik? Brachte nicht alles Bewegende das Feste letztlich zum Einsturz, wenn es nur beharrlich blieb? Was konnte schon das Land gegen das Meer ausrichten, das nagte, verschlang, und dann wieder Sand aufwarf, der Lebendiges schuf?
Machte das Meer was es wollte? Ich strich mit der Hand über ein paar Zementfundamente gleich neben der riesigen Kasuarine, die dem Meer widerstand. Sie waren bereits von Schlingpflanzen überwuchert. Man brauchte aber nicht lange dazu, sie an die Seite zu drücken, um an etwas Festes zu stoßen, das einmal eine Palmenstrohhütte war, vor der Kinder spielten. Heute spielen sie wieder. An selber Stelle im selben Meer mit derselben Wut. Man kann den Menschen der Weihnachts Tragödie von 2004 nicht nachsagen, sie hätten nichts gelernt. Sie haben an diese Stelle des nachts zwei Scheinwerfer an hohen Masten aufs Meer gerichtet, als ob es einen Unterschied machen würde, ob man vorher etwas sehen könnte, was einen umbringt.
Nein, es war zu verführerisch die zappelnden Fische zu fangen, die sich ins Wasser retten wollten, das sich gegen Mittag zurückzog. Es kam bald wieder. Als schmaler Streifen Schaum, den Horizont entlang. Von links nach rechts nur ein schmaler Streifen Schaum. Geräuschlos. Die kostbarsten Minuten des eigenen Lebens wären jetzt gewesen, wenn sie jemand verstanden hätte. Die Wenigsten verstanden und begannen bergauf ein paar hundert Meter zu laufen, zur Straße.
Ich dachte an die Opfer, die dösend im Sand oder spielend in Weihnachtslaune waren. "Den Frost schon im Sommerherzchen", wie ich es in einem Roman mal las, in dem es um einen Mückenschwarm im August 1914 vor dem Anfang des ersten Weltkrieges ging.
Ich streiche über das Fundament neben dem großen Baum und sehe in seine Höhe. Man sagt, dass an diesem Mittag das Wasser 15 Meter hoch sehr schnell kam. Schäumend und voller Wut. Es bewirkte in den massiven Hafenanlagen des Nachbarortes das Verdrehen der Betonarmierung am Kai, und warf ein Schiff auf den weit im Land liegenden Marktplatz. Es setzte es dort ab, um zu zeigen, wohin es gehörte.....
Ich blieb eine Weile und lauschte. Konnte aber im morgendlichen Sonnenschein nichts anderes feststellen als Frieden. Frieden, dessen Ursprung woanders lag. Vielleicht nahe dem des Krieges, gleich hinter der noch unsichtbaren Grenze aus Schaum am Horizont, den Frost schon im Sommerherzchen.