Der Text
"Das Kind braucht Lebertran!" Das Urteil, gesprochen vom Hausarzt, war sofort rechtskräftig und duldete keine Revision. In einer Krakelschrift, die sich schon der Medizinstudent aneignet, stand geschrieben, dass es eine große Flasche Lebertran sei, die dem Blässling helfen sollte, statt wie ein Kalkeimer umher zu laufen, eher das Aussehen eines Wesens auf der Rotbäckchenflasche zu verschaffen.
Als Vollstreckerin setzte sich Mutter aufs Rad, und radelte die 4 Kilometer ins Nachbardorf zur einzigen Apotheke im weiten Umkreis. Im dickwandig braunen Glas der Flasche wabbelte der Tran eines Wales, dessen Fett man aus ihm herausgequetscht hatte. Irgendein Wissenschaftler hatte heraus gefunden, dass es blassen Kindern hilft, wenn man es ihnen anreicht.
Nun stand sie da neben der guten Butter, den Brotscheiben und der Auflage fürs Abendbrot. Neben ihr bereit der Silberlöffel aus Familienbesitz, der letztmalig zur Taufe der Urgroßmutter zum Einsatz kam. Altes angelaufenes Silber. Seine Größe würde ich heute als Suppenkellenformat bezeichnen. Irgendwie hatte ich just an jenem Abend gar keinen Appetit, schob jeden Bissen im Mund hin und her und behauptete, sogleich noch an die Hausaufgaben zu gehen, die dringender Erledigung bedurften.
Vorher aber sollte der Löffel noch randvoll in meinem Rachen verklappt werden, wie ich erfuhr. Heimlich hatte ich den Verschluss schon geöffnet und an ihm gerochen. Ich erspare mir ausdrücklich die Wiedergabe des Geruches in Worten. Wie eben tote Wale so riechen....Widerstrebend näherte ich mich dem angereichten Löffel mit der öligen Substanz und dachte an was Schönes. An Sommerferien und Schwimmbad, öffnete das Mundwerk, in das sofort der Tran sickerte, um sich meinen Geschmacksnerven vorzustellen.
Diese ordneten den Eindringling in die Rubrik Vergiftung ein, was zur Folge hatte, dass ich zum Waschbecken quer durch die Küche lief, um den toten Wal der endgültigen Bestattung zuzuführen. Heute gibt es tote Wale in Kapseln oder Zäpfchen mit Pfefferminzgeschmack. Damals musste man da so durch.....
Der Hausarzt rutschte ans Ende meiner Beliebtheitsskala. Vor ihm knapp meine Mutter, meine Schwester wegen unterlassener Hilfeleistung, dafür Grinsen, und mein Vater, der auch nicht eingriff. Einzig der Hund erfreute sich einiger Tropfen der edlen Substanz, die er unverzüglich aufschleckte. Im Innern schmiedete ich bereits einen Plan; einen für den Hund, dem ich jeden Tag ein Leckerli gönnen würde.....