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Titel
Waldlaufmaschen
Der Text
Abends machte Ed einen Spaziergang, der ihn ein Stück durchs Feld in den Wald brachte, an dessen Rand ein Pfad entlang lief zwischen altehrwürdigen Buchen, narbigen Kiefern und aufstrebendem Gesträuch. Selten kam ihm jemand entgegen. Meist war er bei sich, versank in Zeiten, die ganz ähnlich dem Gesträuch allezeit sich dem Licht zuwandten und Schatten erleben mussten.

Wo sonst ließ es sich dem Getöse besser entgehen als auf den Pfaden am Rand des Waldes, der in der Lage war, für einen Moment die helle Hitze des Feldes mit kühlender Gelassenheit zu vermengen? Ed nahm den Duft reifender Himbeeren auf, während er Spuren vom Wild sah, das sich im Dunkel etwas vom Feld versprach und vorbeihuschende Lichter der Fahrzeuge mied.

Mittlerweile traten vermehrt andere Spuren in den Vordergrund. In die wiederkehrende Eintönigkeit von Wachsen und Vergehen brach die Technik Genick und Knochen einer sich selbst regulierenden Vielfalt, nahm sich das Verkaufbare, und erklärte es zum Nutzwald. Reifenmonster durchquerten Gebüsch und Kleinleben, nahmen sich markierte Bäume vor, die sie fachgerecht zerschnitten. Hobel griffen sich Randwuchs von Schlehdorn, Brombeere und Akazie, wobei weder geschnitten noch gesägt wurde, es wurde praktischerweise geschreddert.

Ed musste an jene Konstrukteure denken, die sich den Kopf darüber zerbrachen, möglichst schnell eine Fläche zu befreien, die sich widerspenstig zeigte. Sie müssen mit ihrem Ergebnis sehr zufrieden gewesen sein.

Was aber zu gewaltig geriet, waren die Spuren der Reifenmonster. Der Waldboden, der durch Blätterfall und Sanftheit, durch lautloses Vergehen Schicht um Schicht seit Jahrtausenden zum Nährboden wuchs, war plötzlich Fahrrinne, Laufmasche eines feinst gestrickten Bandes der Natur. In dieses Band konnten Samen fallen und aufgehen, in den Spurrillen würde nur Wasser gefrieren.

Eds Weg endete, und sein Blick ging wie immer zum Horizont. Über den flachen Bergrücken hin zum Süntel. Die untergehende Sonne ließ ihre Strahlen Schatten werfen. Lange Schatten auf Rapsfelder, die zu Maisfeldern würden in den nächsten Jahren und zu Rüben. Die Windkraft hatte übers Tal gesiegt und ihre drehenden Denkmäler nachts beleuchten lassen. Warum eigentlich? Kein Vogel würde das verstehen als Warnung. Er würde sich nur wundern. Wundern wie Ed, der als Mensch dachte.

Er ging, um zu sehen, um zu verstehen, und versuchte, beides in Einklang zu bringen.
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch