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Titel
Weltzeiten
Der Text
Manchmal scheint mir die Welt zu gleichgültig. In einer unabänderlichen Drehung durchquert sie den Raum von Schwärze und Leere, füllt ihn für kurze Zeit mit ihren Parfüms der Saison, oder mit Gülle, und blickt darüber hinweg, was auf ihr stattfindet. An Grausamkeiten fehlt´s da nicht; an Liebe und Toleranz dafür umso mehr. Manchmal schüttelt sie sich, als ob sie des Menschen überdrüssig sei. Bei Vulkanausbrüchen rücken sie vom Kegel etwas fort, um dann bald wieder seine Hänge zu bevölkern. Dörfer werden verbrannt, Kinder aus dem Fenster geworfen, und trotzdem geht es der Börse gut. Sie ist das Stimmungsbarometer der Wirtschaft. Diese floriert, stagniert oder vibriert, je nach Land.

Es gab immer Reiche und immer mehr Arme, aber das ist nur Statistik. Die Welt kümmert´s nicht. Sie dreht sich. Sicher, es werden Fortschritte gemacht. In Kriegen mehr als im Frieden. Da wird der Mensch plötzlich erfinderisch, weil es etwas zu gewinnen gibt neben dem Verlust des Lebens. Ein Stück Land zum Beispiel, auf dessen höchsten Berg ein Stofffetzen gehisst wird, der im Strom des Windes weht. Und was macht die Tierwelt? Sie stirbt nicht aus. Nur einige tun das vorübergehend. Sie werden wieder kommen, wenn das Größte, Unvernünftigste, aus der Masse heraus Gewachsene sich selbst erledigt hat. Keiner mehr da, um eine Fahne zu hissen...

Das Klima, sagen sie. Zu heiß, zu kalt, zu stürmisch. Alles nur Statistik, sage ich. Zieht euch je nachdem an und schlagt keine Zeitung mehr auf. Nachrichten ist was für Gläubige, die ihnen trauen.
Für Überschriften bekommt der Redakteur das meiste Geld, nicht für deren Wahrheitsgehalt. Manchmal kommt doch etwas raus. Ein falscher Doktortitel, eine abgekupferte Passage, ein gefälschter Führerschein. Sofort einsetzender Gedächtnisschwund sind meist die Folge. Das Opfer wird nach dem Täter geboren, der sich als Opfer empfindet. Bei sehr großen Ereignissen passiert noch etwas Phänomenales. Die Virtuosen ersinnen, von ihrer Fantasie hin- und hergerissen Theorien, die so lange wiederholt werden, bis sie glaubhaft erscheinen.

Die Wahrheit hat es schwer und hatte es immer schon. Legenden leben doppelt so lange wie sie. Das ist auch ein Vorteil. Man muss sich nicht mit ihr beschäftigen, ihr auf den Grund gehen, mühevoll. Eine Behauptung, ein Vorurteil genügen meist, um Leute auf die Straße zu treiben, die es vor dem Fernseher nicht mehr aushalten, und selbst dort sich in den Nachrichten sehen wollen. Ich kann nur hoffen, dass die schnell genug zuhause sind, um die Liveübertragung mit sich zu sehen. Wir sind das Volk, aber wer sind Wir? Ich jedenfalls niemals. Ich bin nur Ich, aber das genügt mir völlig. Und ins Fernsehen will ich gar nicht. Das gehört zur Lügenpresse.

Oder etwa nicht?
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch