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Titel
Weihnachtliche Spiegelungen
Der Text
Im schwarzbraun getretenen Pflaster spiegelte sich der Weihnachtsmarkt. Eine Ansammlung von kleinen Holzhütten, an denen Tannen lehnten, als bräuchten sie eine Auszeit vom Wald, von der Geschäftigkeit des Nichtstuns, Nichtseins, von der Stille, deren sie als überdrüssig galten. Ausgesucht von ein paar grobschlächtigen Figuren, die Axt an sie legten, oder Säge. Das war egal. Auf die Ladefläche eines Pickups geworfen, bildeten sie so etwas wie einen natürlichen Rahmen für das Fest, zu dem Tausende strömten, um sich selbst wieder zu finden. Einen Zipfel vielleicht von ihrer Kindheit wieder zu entdecken zwischen Holzgedrechseltem und Sawarowskifunkelsteinen. Von schlechten Nachrichten aus Afrika, der Ostukraine oder der Ölbörse ließ es sich mit einem Becher glutheißer Flüssigkeit besser vergessen.

Ein Langmantel half etwas beim Abräumen der lauwarmen Becher, und nahm im Schatten jener Tannen den letzten Schluck, bevor er sich mit einem Lächeln der Bedienung bedankt fühlen durfte. Aus dem Marktplätzchen war ein Platz geworden. Irgendwie größer trotz engerer Bestückung. Aus der Sicht eines Hundes sicherlich kein ideales Terrain, aus der eines Kindes schon eher. Schmalzkuchenwölkchen gleich neben den Schwaden einer Tranfackel, die ihr verirrtes Licht streute. Es roch nach Mittelalter. In kleinen Gruppen standen sie zusammen, manche mit einer roten Zipfelmütze lustig entstellt, andere einfach mit Schal und dicken Schuhen.

Ich suchte mir am Eingang eines Indianerzeltes einen Platz mit Blick auf den Tresen, das Ohr an einer Musikbox, aus der die Stones und andere Größen der 60er Musikszene ihr Bestes gaben. Oldies. Über der Häuserkulisse hatte sich ein Neumond gebogen. Eine scharfe Sichel am nächtlichen Himmel, von der aus dieser Markt sicher unsichtbar blieb. Und vielleicht wollte der Mond auch gar nicht hinschauen. Wegen der schlechten Nachrichten und ihrer gekonnten Verdrängung. Manchmal helfen Spenden das Portemonaie leichter zu machen, und das Herz nicht so schwer. Manchmal hilft nur etwas Licht.

Ich drehte mich noch einmal um beim Weggehen und stellte fest, dass der Markt voller wurde, das Gedränge üppiger, je später es wurde. Ein Helene Fischer Double sang ihre erfolgreichen Lieder live on stage, und machte aus vielen Illusionen eine mehr.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch