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Titel
Was gibt es Morgen?
Der Text
Bei der Frage: "Was koche ich morgen?" ist Fantasie gefragt. Nicht nur, dass ein weiterer Tag schon wieder um ist, irgendwie erwürgt oder verloren gegangen, nach dem keiner mehr sucht; erkennt der zuständige Koch, dass mal was anderes auf den Tisch kommen muss, als die letzten 10 Jahre. Wie wär´s denn mal mit Jakobsmuscheln? Zu teuer! Oder Languste? Werde ich nicht satt von. Oder mal ein profaner Eintopf mit Bockwurst rein geschnippelt? Zu warm noch draußen....Eintopf erst ab dem Gefrierpunkt! Nudeln? Ja und was dazu? Jede Woche Nudeln, da wird man ja schwermütig und dick! Der Koch kratzt sich am Kopf und beschließt, einfach in den Supermarkt zu gehen und so zu tun, als wüsste er genau, was er will. So ein Gesicht muss geübt sein.

War meines wohl nicht. Schon nach 10 Metern die Frage einer Beauftragten für Kundenregalkontakte: "Kann ich Ihnen behilflich sein?" "Ja, nein, bisher habe ich immer alles allein gefunden, selbst Hundefutter!" Das Ja vor dem Nein hat sie nicht überhört. So was kann man weglassen. "Die Tierabteilung ist hinten rechts. Heute im Angebot sogar Grünpansen im Vakuumpack für einsachtundsiebzig das Pfund. Ihr Schatz mag das bestimmt!"
Stelle mir grad´ den Schatz vor, wie er am Tisch platz nimmt vor dem herrlichen Grünpansen... gab´s immerhin die letzten 10 Jahre nicht.

"Hören Sie, junge Mutter, ich hab´s eilig, aber nett, dass sie mir in der Angebotswüste die Kompassnadel ersetzen. Außerdem habe ich gar keinen Hund, sondern was anderes, großes. So groß wie eine Giraffe. Ausgewachsener Bulle!" Während sie damit beschäftigt ist, ihre Kieferknochen zum Schließen des offen stehenden Mundes zu aktivieren, greife ich reflexartig zu den Rasierklingen, die ich immer schon mal haben wollte. Vier zu fünfzehn Euro. Da wäre ich mit dem Pansen günstiger dran gewesen. Ich schiebe den 3 Kubikmeter Einkaufswagen mit der Packung Klingen hurtig fort und gerate an das Regal mit den Gewürzen.

Wer noch nie in Madagaskar war oder in Indien, oder in der Salzpfanne der Sahara, der wird hier fündig. Alles in Klein natürlich und gemörsert, geschreddert oder in eine Pipette gepfercht als Vanilleschote für vier Euro der Drömmel. Und das schönste ist: Es steht hinten drauf, wozu es passt! "Kann ich Ihnen helfen?" "Nein, nicht schon wieder!" sage ich höflich und deute auf die Kollegin drei Regale zurück. Der Laden muss ein Seminar veranstaltet haben. Motto: Lass keinen Kunden raus, ohne ihn zu fragen.

Schließlich füllt sich der Korb. Sein Inhalt besteht aus eben den Dingen, die man immer mal braucht, nur nicht heute, von denen man gar nicht genug in Reserve haben kann, und jenen Diamanten, die als Schnäppchen bezeichnet werden. Ein Alu Fass Bier zum Beispiel für 6,99 Euro ohne Blech, oder Rasierklingen.

An der Kasse achte ich heute mal besonders auf das Gesicht der Herrscherin über Plus und Minus. Ob es erstaunt ist ob der Vielfalt der Dinge, die König Kunde so braucht. Fehlanzeige! Sie ist seit Stunden anästesiert und reagiert nur noch auf Pieps. Und erst als der Scanner beim Piment zickt, als er vom Infrarotstrahl nicht erkannt wird, erst jetzt entschließe ich mich zur Revanche, indem ich sie frage:

"Kann ich Ihnen helfen?"
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch