Text 621/628

Titel
Zeitenwechsel
Der Text
"Wir haben einen außerordentlich weiten Blick auf das Tal. Selbst sind wir unerreichbar. Von hier oben sieht es so aus, als wäre der Frühling von sich selbst überrascht worden, von der Macht seines Blühens. Ein ungeordnetes Blühen, in dem der Mensch keine Hand im Spiel hatte bei der Aussaat dieser Augenweide. Seine Ordnung ist oft eine zweckmäßige, als die, die wir jetzt sehen.

Gewöhnen mussten sich alle an diese neue, ungerichtete Zeit deren Anfang und Ende dasselbe war, derselbe Moment in Einem. Anstelle des Bewusstseins trat augenblicklich nach dem letzten Atemzug eine andere, tiefere Zeit ein. Sie war ähnlich der eines Zuges, der durch einen Tunnel fährt. Unsichtbar für Außenstehende öffneten sich plötzlich alle Fenster und gaben den Blick durch den Fels frei. Stein bestand nicht mehr nur aus Stein, und Sand nicht mehr aus Sand allein. Aus Einem waren viele Einzelne geworden, von denen jedes ein kleines Leben führte. Manches hing fest aneinander, während sich anderes abstieß und nicht zueinander wollte.

Am meisten begrüßten alle den Wegfall von Schmerzen jeder Art. Auch die, die an der Seele fraßen und sie ebenso tief verletzten. Man kann durchaus sagen, dass es eine Frühlingsschwerelosigkeit gab. Ein Zurück in den Schmerz, in die Freude, in die Zeit schloss jeder aus. Und es hatte den Anschein, als hätte der Ausschluss große Ähnlichkeit mit dem Entschluss ins Leben zu treten. Um es zu schmecken, zu fühlen, um es sinnvoll zu gestalten".

Seine Gedanken waren irdisch, das Bett frisch bezogen, das Lächeln der Schwester strahlend. Als sie das Fenster weit öffnete sagte sie:

"Schauen sie mal, die Kastanie öffnet bald ihre Knospen, es dauert nicht mehr lang.."
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch