Der Text
Mein erstes Auto, das handgetrieben unter den bizarrsten Geräuschen von mir in Betrieb genommen wurde, trug die Inschrift Welthölzer. Aus dem ehemals kleinen Päckchen wurde von heute auf morgen ein richtiges Auto. Natürlich hatte mein Vater zuvor eine gründliche Entschärfung vorgenommen, die darin bestand, die Zündhölzer irgendwo aufzubewahren, wohin meine kurzen Arme nicht reichten. Es war die Zeit, in der ich zwischen den Stühlen herum kroch, unterm Tisch verschwand, versunken in eine eigene kleine Welt, in der jetzt das Auto Einzug hielt. Damals hießen alle Autos Welthölzer, so wie Vieles, was immer schon so hieß. Zum Beispiel das Niedersachsen Stadion in Hannover oder das Volksparkstadion in Hamburg.
Wer hätte gedacht, dass der Handantrieb später mit meinem VW Käfer ähnlich funktionieren sollte, wenn ich ihn anschieben musste....? Welthölzers Radius beschränkte sich zunächst auf die Küche, wo am meisten los war. Immer stand etwas im Weg. Entweder Muttern am Herd, Schwester überall, oder der Cocker eben genau da, wo ich parken wollte. Er schaute uns an, und war über die verursachten Geräusche sicher entsetzt. Hätte ich eine Leberwurst geschoben, sein Interesse an einem solchen Wagen wäre sicher ein anderes gewesen.
Mein erstes Auto brauchte keine Räder. Es war schon tiefer gelegt. Schob ich es etwas auseinander, wurde schnell ein Pickup daraus oder ein Cabrio. Gäste willkommen! Darunter die eher ruhigen,
die die Fahrt genossen wie der Wurm, aber auch jene Hektiker, die am liebsten gar nicht erst einsteigen wollten, wie die Ameise. Einmal sogar ein toter Maikäfer, der sich selbst zur Beerdigung fuhr....
An einem der Tischbeine war die Tankstelle. Ein eingeklemmter Strohhalm, aus dem es Sprit gab zu günstigen Preisen. Aber wer kommt schon mit nur einem Auto über die Runden? Der Ruf nach einem Zweitwagen wurde erhört, und es kam kurz nach seiner Jungfernfahrt zu einer Karambolage....
Der Verbrauch an Streichholzschachteln stieg. An eine Reparatur in einer Vertragswerkstatt war nicht zu denken.
An jenem Tag, als etwas schief lief, bekam ich den Auftrag, eine Ladung Schokolade von der Fabrik abzuholen, um sie für den Versand fertig zu machen. Sarottiplatten gelangten auf die Ladefläche des Kleinlasters und wurden, von mir unbemerkt, von den wachsamen Augen des Hundes verfolgt. Eine kurze Abwesenheit wurde von ihm genutzt, um den Laster zu "entladen". Als ich auf der Szene zurück erschien, die Verpackungsfirma wartete schon, mühte sich der "Zwischenhändler" die Streichholzpappe aus der Schnauze zu bekommen. Da war was los! Er war sowieso zu fett und verstand gar nichts von Autos!
Aus Autos wurden später Schiffe, aus Schiffen Reisen in ferne Länder, aus fernen Ländern Erinnerungen und daraus wieder Worte. Und vielleicht heißt das Niedersachsenstadion irgendwann einmal wieder so, wie es hieß, oder das Volksparkstadion, oder alle anderen Dinge, die immer so hießen. Bis die Zeit sie fraß wie der Hund die Sarotti Schokolade, die aber Gott sei Dank immerhin noch ihren Namen gerettet hat.